Lehrplan
Niedersachens Kultusministerin schafft die schriftliche Division in ihrer aktuellen Form ab und erntet dafür harsche Kritik – aber auch Beifall von Experten. So dividieren die Schüler in Hessen.
Hannover/Frankfurt/Wiesbaden – Mathe-Eklat in Niedersachsen: Das Kultusministerium schafft eine bestimmte Rechenform in ihrer gewohnten Form an Grundschulen ab. Ab dem Schuljahr 2026/27 werden niedersächsische Schüler kein schriftliches Dividieren mehr lernen, so sehen es die neuen Lehrpläne vor. Die Kultusministerin Julia Willie Hamburg strich das komplexe Rechenverfahren aus dem Lehrplan der Grundschulen, und erntet dafür von vielen Experten Beifall, aber auch Kritik. Zurück bleiben nur Teilschritte der Rechenart.
Schriftliches Dividieren fliegt aus Grundschul-Lehrplan in Niedersachsen
Das Ministerium weiter: „Das schriftliche Dividieren wird nicht abgeschafft. Alle niedersächsischen Schülerinnen und Schüler werden es weiterhin erlernen“, nur eben künftig im Sekundar‑I-Bereich der weiterführenden Schulen.
„Das ist eine große Erleichterung für Schüler und Lehrer“, lobt Franz-Josef Meyer, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), selbst bis vor Kurzem Mathematiklehrer an der Grundschule, die Reform. Das umständliche schriftliche Dividieren „braucht kein Mensch“. Im Gespräch mit der Redaktionsgruppe Kreiszeitung erklärt er: „Es kommt darauf an, Basiskompetenzen zu stärken, und ein Verständnis für Zahlen zu schaffen, nicht unnötig komplizierte Rechenwege, die am Ende nur ein Teil der Klasse versteht, auswendig zu lernen.“
Mathe-Eklat: Grüne Kultusministerin schafft Rechenform an Grundschulen in Niedersachsen ab
Stattdessen sieht der Lehrplan nun „halbschriftliche Rechenverfahren“ vor, also Wege, bei denen größere Zahlen in kleinere Rechenschritte zerlegt werden, die von Grundschülern leichter verstanden und nachvollzogen werden können. Auch Susanne Prediger, Professorin für Mathedidaktik an der TU Dortmund, begrüßt den Vorstoß: „Die schriftliche Division ist in NRW und vielen anderen Bundesländern schon länger aus dem Lehrplan draußen“, sagt sie.
So geht halbschriftliches Dividieren:
Beispielhafte Rechenaufgabe 6054 : 6 = ?
Die Division wird in einzelne, einfachere Rechnungen aufgeteilt:
6000 : 6 = 1000
54 : 6 = 9
Dann werden die Teilrechnungen addiert: 1000 + 9 = 1009
So wird an den Grundschulen in Hessen dividiert
Auch in Hessen sind in den Kerncurricula die Kompetenzen formuliert, die Schüler bis zum Ende der Grundschulzeit erwerben sollen. „Dazu zählt das Beherrschen der Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division mittels Kopfrechnen sowie mithilfe von halbschriftlichen und schriftlichen Rechenverfahren“, heißt es auf Anfrage beim hessischen Kultusminiserium. In Hessen werden damnach aktuell also beide Rechenverfahren der Division in Grundschulen angewendet.
Die schriftliche Division gelte als integraler Bestandteil der schriftlichen Rechenverfahren. „Der Schwerpunkt liegt auf der flexiblen, sachgerechten und reflektierten Anwendung“, betont eine Sprecherin. „Das bedeutet, dass Schüler erkennen müssen, an welchen Stellen die Anwendung schriftlicher Division sinnvoll ist und an welchen Stellen auch anders vorgegangen werden kann.“ Beispielsweise müsse 800 : 2 demnach nicht schriftlich diviert werden.
Das heißt laut Kultusministerium konkret: Die schriftliche Division (Beispiel: 3240 : 5) wird von links nach rechts gerechnet und es wird jeweils die Zahl untereinandergeschrieben, die geteilt wird. Ebenso ist im Kerncurriculum für Mathematik in der Grundschule das halbschriftliche Rechenverfahren der Division aufgenommen. Bei der halbschriftlichen Division werden also große Aufgaben in überschaubare Teilaufgaben zerlegt, was den Rechenprozess transparent macht. Schüler wenden bekannte Rechenstrategien an (Einmaleins, Teilaufgaben, Subtraktion), nutzen gesicherte Kenntnisse und sichern Zwischenergebnisse. Auf diese Weise wird sowohl das Verständnis dafür gestärkt, was „Teilen“ bedeutet, als auch die sichere Ausführung der einzelnen Rechenschritte gefördert.
„Bringt leistungsstarke Schüler vorsätzlich um Kompetenzerlebnisse“: Kritik an Grundschulreform
Die niedersächsische Reform ruft derweil auch Kritiker aus Lehrerkreisen auf den Plan. Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, kritisierte etwa in der Bild: „Das ist der falsche Weg!“. Das schriftliche Dividieren sei von den vier Rechenverfahren „das komplexeste, erfüllt aber auch verschiedene wichtige Funktionen“. Lin-Klitzing moniert: „Leistungsstarke Schüler werden vorsätzlich um Kompetenzerlebnisse gebracht, die kognitive Entwicklung verflacht“.
Das Ministerium hält dagegen: Der Verzicht auf eine frühe Einführung der schriftlichen Division folge einer bewussten didaktischen Schwerpunktsetzung: „Wird die schriftliche Division zu früh und vorrangig mit dem Ziel eingeführt, dass Kinder automatisch eine Art Rechenanleitung befolgen können, gibt es zwei Gefahren. Die Kinder verstehen nicht, was sie da tun, und vergessen es womöglich schnell wieder“.
Landeselternrat unterstützt Kultusministerium – Studien zeigen katastrophale Mathe-Schwächen
Bereits in der Pisa-Studie 2023 schnitt Deutschland katastrophal ab. Und auch neue Studien zeigen Erschreckendes: Fast jeder dritte Neuntklässler in Deutschland scheitert an den Mindestanforderungen in Mathematik; Niedersachsen Schüler landeten in dem Ranking auf einem unerfreulichen 13. Platz: „Die jüngsten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends haben gezeigt, wie groß die Schwächen der niedersächsischen Schülerinnen und Schüler im Fach Mathematik sind“, erklärt der Lansdeselternrat, der den Reformvorstoß des Kultusministeriums unterstützt, auf Anfrage am Montag dazu: „Bei der schriftlichen Division handelt es sich um ein komplexes Thema. Das erfordert viel Zeit bei der Erarbeitung, steht aber nicht im Verhältnis zur späteren Anwendung.“
Auch der VBE-Vorsitzende Meyer hält nicht viel vom Festhalten an vermeintlich „guten“ Lehrplan-Traditionen: „Mathematik baut aufeinander auf. Fehlt Kindern ein solides Grundverständnis, wird es in den höheren Klassen wackelig“. Darum sei es genau der richtige Weg, es den weiterführenden Schulen offenzuhalten, die schriftliche Division zu unterrichten – und die Kapazitäten für die Stärkung von Basiskompetenzen zu nutzen: „Natürlich wollen die Gymnasien das den Grundschulen zuschieben, daher kommen die Aufschreie fast ausschließlich aus dem Kreis der Gymnasiallehrer“.