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Wirtschaft

„Unnötiges Elend“: Einstellung der Generation Z gegenüber Kollegen sorgt für Wut

Jana Stäbener
29/06/2026 16:41:00

„Kommt zu Konflikten“

Auf der Arbeit profitieren sowohl junge Menschen als auch Ältere vom Phänomen namens „Generativität“. Eine Entwicklungspsychologin erklärt, was dahintersteckt.

Frankfurt – „Menschen aus der Gen Z vermeiden bewusst Freundschaften mit Kollegen“, behauptet eine Person auf Reddit. Sie ist überzeugt, dass sich natürliche Arbeitsfreundschaften kaum vermeiden ließen. Es sei okay, wenn man bestimmte Leute einfach nicht möge oder nicht gut mit ihnen auskomme, aber einfach pauschal bei allen Kollegen und Kolleginnen die Graustein-Methode anzuwenden, also „emotional unsichtbar“ zu werden, halte sie für falsch. Freunde bei der Arbeit seien möglich und wichtig, findet sie. Freundschaften aktiv zu verweigern, sei „ein unnötiges Elend“.

Unter dem Beitrag teilen über 700 Menschen ihre Erfahrungen und Meinungen. Ein Nutzer berichtet von der Zusammenarbeit mit einer Person aus der Gen Z. Die Versuche, einfach nett zu sein, seien nur auf eine „bizarre Abwehrhaltung“ gestoßen, für die er kein Verständnis habe. Andere kommentieren, es sei okay, Arbeit und Freundschaft strikt zu trennen.

Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media fragt bei der Entwicklungspsychologin Tabea Wolf von der Universität Hohenheim nach. Sie bewegt sich seit zwei Jahren an der Schnittstelle von Entwicklungs- und Arbeits- und Organisationspsychologie, erforscht, wie Freundschaften am Arbeitsplatz über Altersgruppen hinweg funktionieren können und welche positiven Konsequenzen sie haben.

Ältere Mitarbeiterin (links) schüttelt die Hand einer jüngeren Mitarbeiterin (rechts). (Symbolbild)

Keine Freunde für die Gen Z? Wie sich soziale Netzwerke verändern

Dass besonders die Gen Z auf Arbeitsfreundschaften verzichte, dazu liegen Wolf keine Daten vor. Im Gegenteil: „Im jungen Erwachsenenalter ist man häufig sehr fokussiert auf die eigene Entwicklung. Man möchte sein eigenes Wissen erweitern. Deswegen hat man eigentlich gerne ein großes soziales Netzwerk mit sehr unterschiedlichen Kontaktpersonen“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Je älter Personen würden, desto eher fokussierten sie sich auf weniger Kontakte, aber eben auf die, die „emotional besonders wichtig“ seien.

Das schließe Freundschaften am Arbeitsplatz aber nicht aus – selbst mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen, wie ihre Forschung zeige. „Als Menschen umgeben wir uns mit den Menschen, die uns ähnlich sind. Das nennt man Homophilie“, erklärt Wolf. Altersunterschiede führten erst einmal dazu, dass man sich sozial distanziere oder gar Vorurteile entwickele. Doch es gebe in der psychologischen Forschung auch das „Phänomen der Generativität“. Es beschreibe das Bedürfnis im mittleren und höheren Erwachsenenalter, das eigene Wissen an jüngere Generationen weiterzugeben.

„Am Arbeitsplatz bedeutet das: Ich habe Expertise gesammelt und möchte diese teilen. Vielleicht möchte ich auch, dass bestimmte Dinge erhalten bleiben, wenn ich selbst nicht mehr berufstätig bin“, sagt die Forscherin. „Das passt gut zum Wunsch junger Menschen nach persönlichem Wachstum. Das sind unterschiedliche Motive, aber sie laufen in einer Freundschaft gut zusammen, weil sich die Bedürfnisse gut ergänzen können.“

Entwicklungspsychologin verrät, wie wichtig Freundschaften am Arbeitsplatz sind

„Ein positives Klima am Arbeitsplatz ist auf jeden Fall förderlich. Es kann Energie geben und die Kreativität fördern“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Doch Freundschaften seien eine spezielle Form von „informalen Beziehungen, die durch Freiwilligkeit gekennzeichnet“ seien. „Am Arbeitsplatz sind es eher formale Beziehungen. Jeder hat gewisse Verantwortungen und Aufgabenbereiche. Das Team suchen sich viele nicht selbst aus“, sagt Wolf. Wenn Freunde gleichzeitig Kollegen oder gar Freundinnen und gleichzeitig Untergebene und Chefin seien, könnte es natürlich „leichter zu Konflikten kommen. Das lässt sich nicht immer gut balancieren.“

„Ob Freundschaften am Arbeitsplatz wichtig sind, hängt davon ab, was für denjenigen sinnstiftend ist. Für manche Menschen ist die Tätigkeit an sich sinnstiftend. Für manche sind es die Kolleginnen und Kollegen“, sagt Wolf der Frankfurter Rundschau. Es gebe auch Tätigkeiten, bei denen Mitarbeitende gar nicht so viel untereinander in Kontakt kämen.

Freundschaften am Arbeitsplatz: „Arbeit und Privatleben zu trennen kann gesund sein“

Angesichts der „aktuellen Einsamkeits-Epidemie“ findet es die Person, die den Reddit-Beitrag verfasst hat, „besorgniserregend“, dass viele junge Leute auf Freundschaften am Arbeitsplatz bewusst verzichten, schreibt sie. Laut einer YouGov-Umfrage in Zusammenarbeit mit Doctolib zum Thema Einsamkeit in Deutschland fühlen sich 24 Prozent der Deutschen häufig oder sehr häufig einsam. Befragt wurden 1.028 Personen ab 18 Jahren. Besonders betroffen sind junge Erwachsene: 33 Prozent der 25- bis 34-Jährigen und 32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen berichten von regelmäßiger Einsamkeit. „Einsamkeit ist eine sehr persönliche Einschätzung und hängt weniger davon ab, mit wie vielen Leuten Menschen Kontakt haben, als davon, wie gut diese Kontakte sind“, sagt Wolf.

Sie sieht „keine pauschale Gefahr durch fehlende Arbeitsfreundschaften“. Wenn jemand für sich entscheidet, am Arbeitsplatz keine tiefen Freundschaften zu schließen – zum Beispiel, weil er privat in Vereinen, Freundschaften oder der Familie gut eingebunden ist, dann sei das erst einmal nicht schlimm. „Es kann sogar gesund sein, Arbeit und Privatleben bewusst zu trennen, um sich im Job emotional nicht zu sehr aufzureiben. Es ist vielmehr eine persönliche, individuelle Abschätzung, ob man mit dem zufrieden ist, was man hat, und ob die sozialen Kontakte das eigene Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit erfüllen.“ (Quellen: eigene Recherche, Reddit, Doctolib Umfrage)

Artikel von Wetterauer Zeitung