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Bildung

„Mit der Einschulung steigt der Leidens- und Anpassungsdruck enorm“

Jana Stäbener
01/07/2026 04:13:00

„Rückschritte“

Neurodiverse Kinder bekommen heute schnellere Diagnosen und bessere Unterstützung durch ihre Familie. Doch Schulen und Kitas sind noch nicht so weit.

Frankfurt – „Es ist ein Teufelskreis“, schreibt Antje Heyer. Neurodivergente Kinder, mit ADHS, Autismus, einer Hochbegabung oder einer anderen Besonderheit, würden heute anders erzogen: bedürfnisorientierter, reflektierter, begleitender. „Sie bekommen dadurch mehr Spielraum, weniger Härte, weniger Anpassungsdruck innerhalb der Familie. Doch genau dort beginnt häufig der nächste Konflikt“, schreibt sie auf Linkedin.

Außerhalb der Familie warteten weiterhin weitgehend neuronormative Systeme wie Kita, Schule oder andere soziale Angebote, obwohl das Wissen über Neurodivergenz heute deutlich größer ist und Diagnosen früher gestellt werden. Hier muss sich das Kind anpassen, hat dies aber nie gelernt. „Mit der Einschulung steigt bei ihm der Leidens- und Anpassungsdruck enorm“, sagt Heyer der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Sie beschäftigt sich privat bereits seit ihrem 18. Lebensjahr mit Neurodiversität und Hochbegabung, ausgelöst durch eigene Erfahrungen. Heute arbeitet sie als systemischer Coach in diesem Bereich.

Für neurodiverse Kinder kann der erste Tag in der Kita oder die Einschulung schnell zum Schockmoment werden. (Symbolbild)

Kinder mit ADHS und Autismus erleben „widersprüchliches Verhalten“

Die Neurodiversitäts-Expertin beobachtet eine Art gesellschaftlichen Umbruch in der Erziehung: Vor 40 Jahren sei sie strenger und autoritärer gewesen. Heute setzt die Gesellschaft auf eine andere Pädagogik mit mehr selbstorganisiertem Lernen und Individualisierung. „Das ist einerseits gut, weil ältere Strukturen aufbrechen. Gleichzeitig reißen jedoch neue Gräben auf, weil wir widersprüchliches Verhalten in den verschiedenen Systemen sehen“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. In den Beratungen erlebe sie häufig, dass Familien sich bemühen, ihre Kinder möglichst modern zu begleiten – die Schule aber hinterherhinke.

Viele Familien, die sie berate, wichen auf Privatschulen aus, die sich neuroinklusiver Bildung widmen. Für ein neurodivergentes Kind finden sie dort häufig ein passenderes Umfeld als im Regelschulsystem, das „massiv unter Ressourcenproblemen leidet“. Aber: „Welche Familie kann sich das leisten? Das zahlt am Ende negativ auf die Bildungsgerechtigkeit ein.“ Heyer hat deswegen eine Stiftung für Bildung und Neurodiversität gegründet. Sie setzt sich für breitere Aufklärung und für mehr Neuroinklusion im Bildungssystem ein. Einzelne Kinder und Familien sollten nicht länger die volle Last tragen müssen, wenn sie mit Autismus, ADHS und Co. konfrontiert sind.

Vor allem, weil viele Elternteile selbst neurodivergent seien, sagt Heyer. Die Forschung gehe momentan davon aus, dass klassische Diagnosen des Neurodiversitätsspektrums – wie Autismus, ADHS oder auch Hochbegabung – zu 60 bis 80 Prozent genetisch bedingt seien. Oft blieb die Neurodivergenz bei den Eltern unerkannt, weil das Thema erst jetzt größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfahre, sagt sie. „Viele Eltern entdecken ihre eigene Diagnose erst über die Diagnose des Kindes. Das ist ein Muster, das fast alle Beraterinnen in unserem Netzwerk erleben.“

Neurodiversität in Schulen: Expertin sieht „eher Rückschritte“

„Der große Vorteil der Arbeitswelt gegenüber der Schule ist, dass neurodiverse Menschen dort auch für abseitige Potenziale Anerkennung bekommen können“, sagt Heyer. In der Schule würden Randfähigkeiten bislang wenig gefördert oder gar gelobt. „Was uns in den Schulen fehlt, ist die Orientierung auf besondere Potenziale. Deutschland beklagt einen Innovationsmangel – aber für Erfindungsreichtum braucht es auch Räume, um kreativ zu werden.“ Schule müsse neuroinklusiver werden. „Anstatt Fortschritte, sehe ich eher Rückschritte und erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern.“

Erst in jüngster Vergangenheit wurde eine Liste mit Sparvorschlägen aus dem Kanzleramt veröffentlicht, die vorsah, bei Integrationshilfen und Schulassistenzen für Kinder mit Behinderung zu kürzen. „Wir haben hier ein massives Systemproblem“, kritisiert sie. Es sei klar, dass man die gesamte Vielfalt nicht in einem einzigen, klassischen Klassenzimmer mit einer einzelnen Lehrkraft abbilden könne. Damit neurodiverse Kinder mit verschiedenen Bedürfnissen gemeinsam mit neurotypischen Kindern lernen könnten, brauche es in Schulen räumlich ganz andere Voraussetzungen, sagt Heyer. Sie spricht von „Lernlandschaften mit Rückzugsorten“, „Individualarbeitsplätzen“ und „Schallschutz“.

Förderschulen lehnt sie ab, weil sie die Gräben nur vertiefen würden. „Wenn die allgemeinen Voraussetzungen in den Schulen von vornherein inklusiver und flexibler gestaltet wären, bräuchte es viel weniger dieser teuren, individuellen Hilfsmaßnahmen, die die Kommunen belasten.“ (Quellen: Linkedin, eigene Recherche, Molecular Psychiatry Studie, Jama Studie)

Artikel von Wetterauer Zeitung