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Gesundheit

Mit 49 sind die meisten am Tiefpunkt: Psychologe entkräftet Midlife-Crisis-Theorie

Andreas Apetz
24/04/2026 17:04:00

„Wohlbefinden über die Zeit“

Forscher schreiben in einer Studie von einem emotionalen Tiefpunkt mit 49. Ein Psychologe erklärt, warum die Midlife-Crisis in dieser Form nicht existiert.

Frankfurt – Es ist kein einzelner Moment, sondern ein schleichender Prozess: Der Job macht weniger Spaß, die Beziehung ist abgekühlt, und der Alltag erreicht seinen Höhepunkt am Abend, wenn endlich Ruhe einkehrt. Das Zähneknirschen wird lauter, die Furchen auf der Stirn tiefer und wer längst mittendrinsteckt, beginnt sich zu fragen, wann sie eigentlich angefangen hat: die Midlife-Crisis.

Sie wird häufig als unvermeidliche Lebensphase dargestellt. Eine Sinnkrise im mittleren Lebensalter, die uns alle einmal einholt. Erstmals 1965 detailliert beschrieben und benannt durch den US-Psychoanalytiker Elliott Jaques, ist das Konzept der Midlife-Crisis mittlerweile nicht nur Teil des alltäglichen Wortschatzes geworden, sondern auch Gegenstand der Forschung: Internationale Daten erkennen im Verlauf der emotionalen Zufriedenheit über ein Menschenleben hinweg eine U-Kurve, die in der Lebensmitte ihren Tiefpunkt erreicht.

Studie zur Midlife-Crisis: Mit 49 am emotionalen Tiefpunkt

Die großangelegte Studie des britischen Wirtschaftswissenschaftlers David Blanchflower aus dem Jahr 2020 kann den Zeitpunkt dieses emotionalen Tiefstandes sogar auf ein genaues Lebensalter eingrenzen: Die Auswertung von 14 Millionen Fragebögen aus mehreren internationalen Datenbanken kam zu dem Ergebnis, dass das Wohlbefinden statistisch mit 49 Jahren am geringsten ist, bevor es wieder bergauf geht. Rund um dieses Alter sind laut Studie negative Gefühle oft besonders stark. Dazu gehören zum Beispiel das Gefühl, ein Versager zu sein oder sich wertlos und ausgeschlossen zu fühlen.

Die Unzufriedenheit eines Menschen hängt nicht zwangsläufig mit dem Alter zusammen. (Symbolfoto)

In seiner Studie spekuliert Blanchflower über die Ursachen für die emotionale U-Kurve: Möglicherweise setze der erwachsene, realistischere Blick auf die Grenzen des eigenen Lebens und die unerreichten Träume einen schmerzhaften Prozess in Gang. Gleichzeitig hätten Menschen im mittleren Alter mit den ersten Trauerfällen und Schicksalsschlägen aus dem nächsten Umfeld zu kämpfen: Eltern, Schulfreunde und Weggefährten. Häufig geht laut Blanchflower der Phase der Akzeptanz und der tieferen Wertschätzung des eigenen Lebens zunächst eine Krise voraus. Der Forscher nennt damit nur zwei von vielen wissenschaftlich diskutierten Begleiterscheinungen bei einer Midlife-Crisis.

Psychologe: Welche Rolle spielt das Lebensalter bei der Zufriedenheit?

Einer, der die Ergebnisse solcher Midlife-Crisis-Studien anders betrachtet, ist Denis Gerstorf, Professor für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Er könne die viele Aufmerksamkeit für das Thema verstehen, sagt er der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, sehe aber in der Methodik der Studien einen Haken: „Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass viele dieser Befunde auf querschnittlichen Daten beruhen. Diese erlauben jedoch keine Aussagen darüber, wie sich das Wohlbefinden innerhalb von Personen über die Zeit entwickelt.“

Um es für eine Einzelperson interpretierbar zu machen, brauche es hingegen Längsschnittstudien. Und diese würden ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen. Hier könne die bestehende Forschung keinen „klaren, universellen Einbruch im mittleren Lebensalter robust nachweisen“. In Fällen, in denen von einer Delle in der Zufriedenheit berichtet wurde, war die Effektstärke nur von geringer Ausprägung. Unterm Strich bedeute das laut Gerstorf Folgendes: Auf Bevölkerungsebene mag sich ein Muster „andeuten“, welches für den Einzelnen keine praktische Relevanz hat.

Häufig wird eine „Midlife Crisis“ als normativer Lebensabschnitt bezeichnet, also als eine Lebensphase, die bei den meisten Menschen zu einem erwartbaren Zeitpunkt eintritt. „In der psychologischen Forschung gilt diese Vorstellung seit Langem als nicht haltbar“, sagt Gerstorf. Das mittlere Erwachsenenalter ist eine vielschichtige Lebensphase mit beruflichen Anforderungen, gesundheitlichen Veränderungen und familiären Verpflichtungen, aber auch zahlreichen Ressourcen, Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, sagt Gerstorf. Davon auszugehen, die Unzufriedenheit sei eine bloße Frage des Alterns, greife zu kurz.

Midlife-Crisis: Wie gehen wir mit schweren Lebensabschnitten um?

Wer einer solchen Lebensphase vorbeugen möchte, sollte laut Gerstorf weniger auf das Alter schauen als auf die eigene Anpassungsfähigkeit: Wer in der Lage ist, Ziele flexibel neu auszurichten und Prioritäten zu verschieben, wenn das Leben eine andere Richtung einschlägt, sei besser gewappnet. Konkret kann das bedeuten: einen Karrierewechsel ernstnehmen statt verdrängen, eine belastende Beziehung aktiv ansprechen statt schweigen oder schlicht akzeptieren, dass nicht jeder Lebensplan aufgeht.

Wer unsicher ist, ob es „nur“ eine Phase oder schon mehr ist, sollte weniger auf die Zahl im Ausweis achten als auf Warnsignale, sagt Gerstorf: anhaltende Niedergeschlagenheit, zunehmender sozialer Rückzug oder ein ausgeprägter Sinnverlust. Gerade nach einschneidenden Ereignissen – etwa Trennung, Jobverlust, Pflegefall in der Familie – könne sich das Wohlbefinden über längere Zeit spürbar verändern.

Im Umgang mit Unzufriedenheit rät er zu einem nüchternen Blick auf die Auslöser: Was genau belastet im Alltag? Oft helfen konkrete Stellschrauben mehr als das Etikett „Midlife-Crisis“: Aufgaben neu verteilen, Routinen ändern, Gespräche suchen. Ein weiterer Schlüssel sind soziale Kontakte: „Soziale Einbindung ist über die gesamte Lebensspanne hinweg einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Entscheidend ist dabei vor allem die Qualität der Beziehungen“, erklärt Gerstorf. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, kann professionelle Unterstützung ein sinnvoller Schritt sein. (Quelle: ScienceDirect, eigene Recherche)

Artikel von Wetterauer Zeitung