menu
menu
Automobilindustrie

Elegant, aber lebensgefährlich: China verbietet ab 2027 beliebtes Design-Feature bei Autos

Sebastian Oppenheimer
03/02/2026 13:27:00

Risiko bei Unfällen

Tesla machte sie bekannt, China verbietet sie jetzt komplett. Was hinter der drastischen Entscheidung gegen versenkbare Türgriffe steckt.

Peking – Wie in der Mode gibt es auch in der Automobilbranche wechselnde Designtrends – auch wenn die Zyklen hier deutlich langsamer verlaufen. Allerdings stellen sich so manche Trends im Nachhinein als gefährlicher heraus, als man das zunächst angenommen hatte. Seit vielen Jahren verbauen Autohersteller beispielsweise immer mehr und immer größere Touchscreens – doch zuletzt warnte der ADAC vor dem Touch-Trend aufgrund des erhöhten Unfallrisikos. Auch die europäische Sicherheitsbewertung Euro NCAP zieht nun Konsequenzen. In China gehen die Behörden gegen ein weiteres Design-Merkmal vor: versenkbare Türgriffe.

Versenkbare Türgriffe wie beim Tesla Model S sind in China ab 2027 verboten. (Symbolbild)

Tesla machte die versenkbaren Türgriffe bekannt – das demnächst eingestellte Model S war eines der ersten Fahrzeuge mit dieser Technik. Als erstes Land verbietet China jetzt die modernen Klinken – wegen Sicherheitsbedenken. Die Änderung, die am 1. Januar 2027 in Kraft tritt, gilt für alle ab dann in China verkauften Autos. Auch mehrere chinesische Hersteller hatten das Design in den vergangenen Jahren übernommen. In den USA gibt es Behördenermittlungen gegen Tesla sowie Klagen wegen tödlicher Unfälle, bei denen Insassen nach Unfällen verbrannten.

Versenkbare Türgriffe: ADAC warnte schon vor einiger Zeit

Mit der Änderung könnte China als weltgrößter Automarkt einen Trend in Gang setzen. Die neue Anforderung besagt, dass Autotüren von innen und außen mechanisch geöffnet werden können müssen, wie das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie mitteilte. Damit sollen Probleme wie die umständliche Bedienung der Türgriffe sowie deren Versagen nach einem Unfall angegangen werden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Auch der ADAC hatte schon vor einiger Zeit vor versenkbaren Türgriffen gewarnt, weil diese speziell Laien das Öffnen der Türen bei einem Rettungsversuch nach einem Unfall erheblich erschweren könnten.

Probleme bei Unfällen: Helfer konnten Türen nicht mehr öffnen

Hintergrund ist, dass die versenkbaren Türgriffe im Verdacht stehen, bei einigen Unfällen versagt zu haben. Auch in China gab es mehrere Fälle, in denen Elektroautos in Brand gerieten – und Helfer berichteten, dass sie Türen nicht öffnen konnten, um Insassen zu befreien. Betroffen sind vom kommenden Jahr an Türgriffe, die in der Autotür verschwinden können und vor Betätigung automatisch herausfahren oder sich ausklappen. Modelle, die von Behörden bereits genehmigt wurden und kurz davorstehen, auf die Straße zu kommen, müssen die Hersteller bis 2029 umrüsten. Nicht betroffen ist die Kofferraumklappe.

Verbot versenkbarer Türgriffe in China: Was das für Hersteller bedeutet

Die chinesische Behörde nannte keine Namen speziell betroffener Modelle. Die Prüfung des Türgriff-Standards lief schon länger. Laut der staatlichen Zeitung „China Daily“ hatten Stand April 2025 von den 100 am häufigsten verkauften Elektro- und Hybridautos 60 Prozent versteckte Türgriffe. Hersteller müssen nun das Autogriff-Design betroffener Fahrzeuge erneuern. Die Kosten für die Umrüstung dürften jedoch überschaubar bleiben, auch weil man die Zulieferer für klassische Türgriffe bereits kenne, hieß es von einem deutschen Hersteller in China auf Nachfrage. Neue Entwicklungen im Türgriff-Bereich, die jetzt von der Regeländerung betroffen seien, könnten jedoch nicht mehr verwendet werden. Das Verbot hatte sich schon vor Monaten angebahnt.

Tesla entschied sich beim Design mehrerer millionenfach verkaufter Modelle schon vor Jahren für versenkbare Türgriffe außen und einen Knopf zur Öffnung innen. Die Türen haben - wie auch bei mehreren anderen Herstellern – einen elektrischen Schließmechanismus. Er bekommt Strom aus einem 12- oder 16-Volt Kreislauf, über den auch Fenster und Touchscreen laufen.

Versteckte Notentriegelung: Manche Kunden werden kreativ

Bricht diese Versorgung nach einem Unfall ab, funktionieren die elektrischen Türöffner nicht mehr. Insassen müssten dann mechanische Türöffner wie Hebel oder Seile finden und betätigen. Von Modell zu Modell unterschiedlich können sie sich hinter Türverkleidungen oder unterhalb von Sitzen befinden. Während beispielsweise im Tesla Model 3 und im Model Y an den Vordertüren mechanische Hebel zur Öffnung vor den Fensterhebern angebracht sind, wird es auf den Rücksitzen kompliziert. Hier ist die manuelle Notentriegelung unter einer Klappe am Boden der Türablage verborgen. Wer diese nicht kennt, wird sie im Ernstfall kaum finden – deshalb haben Tesla-Fahrer hier schon Do-it-Yourself-Lösungen entwickelt. Um die Türen von außen zu öffnen, muss laut Benutzerhandbuch 12-Volt-Strom aus einer externen Quelle an zwei bestimmten Stellen angeschlossen werden.

Einige Hersteller kombinieren elektrische Schlösser mit einer mechanischen Öffnung, sodass man die Türen durch kräftiges Ziehen am Griff auch ohne Strom aufbekommen kann. Andere wiederum verzichten auf elektrische Systeme dafür. Als ein Argument für die versenkbaren Türgriffe wird oft der geringere Luftwiderstand genannt, durch den die Reichweite von Elektroautos erhöht werden könne. Einige Brancheninsider betrachten den Effekt jedoch als vernachlässigbar. (Quellen: dpa, ADAC, eigene Recherche) (sop)

Artikel von Wetterauer Zeitung