Bahnverkehr
Die HLB geht davon aus, dass ab Dezember wieder Züge zwischen Hungen und Gießen fahren. Die Lumdatalbahnstrecke sei nach einer Reaktivierung zudem ideal für E-Züge mit Batterie.
Frankfurt/Gießen – „Wann fährt wieder die Bahn?“ Diese Frage stellen sich Menschen in Lich, Hungen und Pohlheim genauso wie in Allendorf, Rabenau oder Staufenberg. Die eine Bahnstrecke wird derzeit zwischen Gießen und Nidda modernisiert, die Lumdatalbahn zwischen Lollar und Rabenau soll reaktiviert werden. Beide waren Thema bei der Bilanzpressekonferenz der Hessischen Landesbahn (HLB) am Montagmorgen, ebenso die Reaktivierung der Horlofftalbahn.
HLB bewirbt sich für S6
Die Hessische Landesbahn bewirbt sich um die S-Bahnstrecke 6 von Friedberg nach Frankfurt-Süd. Das teilten HLB-Geschäftsführer Veit Salzmann und der Technische Geschäftsführer Tobias Beckers im Rahmen der Bilanz-Pressekonferenz mit. Die Unterlagen wurden vergangene Woche beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) eingereicht.
Die HLB nimmt damit an einer europaweiten Ausschreibung des RMV zum sogenannten S-Bahnteilnetz „Gallus“ teil. „Wir hoffen, dass wir die Chance haben, S-Bahn in Frankfuzrt zu fahren“, sagte Salzmann. Das Unternehmen, welches den Zuschlag erhält, würde ab Dezember 2033 bis Dezember 2055 den S-Bahnverkehr auf den Linien S3, S4, S5 und S6 übernehmen.
Die S-Bahnstrecken werden, unabhängig davon, wer letztendlich den Zuschlag erhält, teils neue Zuschnitte erhalten. Die S6 würde zwischen Friedberg und Frankfurt-Süd fahren (bislang Weiterfahrt bis Darmstadt), die S5 zwischen Usingen über Friedrichsdorf und Hauptbahnhof nach Hanau rollen. Die S4 soll ab 2033 wie gewohnt in Kronberg beginnen, jedoch erst in Langen enden, die S3 hätte als Endhaltepunkte Bad Soden und Darmstadt Hauptbahnhof.
Ein weiterer Eckpunkt der Ausschreibung: „Es werden auf der Strecke neue Fahrzeuge fahren“, sagt Salzmann. „Das wäre auch bei einem anderen Betreiber als der HLB der Fall.“ Im Hintergrund wird darum bei der HLB bereits an der Ausschreibung für die Fahrzeuge gefeilt. „Es wäre eine Investition von circa 1,5 Milliarden Euro.“
Die Bahnstrecke Gießen-Nidda wird seit Frühling grundhaft saniert, seit Monaten fahren dort keine Züge mehr. Die Strecke befindet sich im Besitz der Deutsche-Bahn-Tochtergesellschaft DB Infrago. Die HLB ist nur Nutzer der Strecke und hat keinen Einfluss auf die Bauarbeiten, erklärte Tobias Beckers, Technischer Geschäftsführer der HLB. Die Infrago habe bislang nichts Gegenteiliges mitgeteilt, als dass zum Fahrbahnwechsel 2026 die Strecke wieder nutzbar sei. „Bis zur Landesgartenschau 2027 will man Baufreiheit erreicht haben“, sagte Beckers. Gerüchte zu etwaigen Verzögerungen könne man daher nicht kommentieren, mit Blick auf die Gesamtsituation im Bahnnetz würde es einen aber auch nicht überraschen, falls diese stimmen würden, fügte er an.
Wir fahren keinen Tag so, wie es geplant wurde.
Tobias Beckers Technischer Geschäftsführer
Generell leide die HLB unter den gleichen Problemen wie Pendler und Bahnfahrer: Zugausfälle. Für die HLB bedeutet es geringere Einnahmen, für die Bahnnutzer Wartezeiten und Umwege. „Die Zugausfälle liegen zu 95 Prozent an den Zuständen des Netzes“, sagte Veit Salzmann, Geschäftsführer der HLB. „Das sind nicht besetzte Stellwerke, ungeplante Baumaßnahmen, Böschungsbrände.“ Probleme bereiten auch die Bauarbeiten auf der Mittelrheinbahnstrecke. Dadurch werden die Fernzüge über die Bahnstrecke Frankfurt-Gießen umgeleitet. Wenn die Strecke dann ausgelastet ist, würden als erstes die Nahverkehrszüge, darunter der Mittelhessenexpress, gestrichen, da sich diese am leichtesten durch Busse im Schienenersatzverkehr ersetzen ließen, erklärte Salzmann das Prozedere.
Im DB-Netz komme es zudem aufgrund von Lieferschwierigkeiten und anderen Problemen dazu, dass Bauunternehmen in Verzug geraten, Baustellen erst später beendet und folglich neue Arbeiten erst später anfangen können, erklärte Beckers. Für die HLB-Züge sei die Folge, dass „wir keinen Tag so fahren, wie es geplant wurde. Wir können nicht in diesem Maße Zugausfälle kalkulieren, wie sie stattfinden“, so Beckers. Der Kunde merke dies auch daran, dass die Fahrgastinformationen nicht die Realität abbilden: Die Systeme seien „für solch eine Komplexität an Veränderungen nicht ausgelegt“. Salzmann nimmt an dieser Stelle die DB Infrago in Schutz, dort versuche man das Menschenmögliche, rechtzeitig zu informieren.
Zurück nach Hungen. Die HLB geht derzeit davon aus, dass zum Fahrplanwechsel 2028 der erste Zug zwischen Hungen und Wölfersheim auf der reaktivierten Horlofftalbahnstrecke fahren wird. Dafür sei zentral, dass die Stellwerkstechnik in Beienheim von der DB Infrago auf Elektronik umgerüstet wird.
Die Lumdatalbahn würde hingegen unter Regie der HLB reaktiviert. Diese hatte die Strecke von der Deutschen Bahn gekauft. Sie treibt im Auftrag des Landes Hessen die Reaktivierungsplanung voran. Einen Zeitplan, wann die Unterlagen zwecks Genehmigung beim zuständigen Regierungspräsidium Darmstadt eingereicht werden können, konnte Salzmann nicht nennen. „Es sollte noch in diesem Jahrzehnt sein“, sagte Beckers. „Wir sind die Projektleitung, haben damit aber Fachfirmen beauftragt.“
Zur Kritik, dass nach einer Reaktivierung dort Dieselzüge rollen würden, sagte Beckers, dass es sich dabei um moderne Dieseltriebwagen handele. Die HLB teste derzeit auf anderen Verbindungen, etwa im Westerwald, E-Züge mit Batteriespeichern im Nahverkehr. Die Strecke Gießen-Lollar-Londorf „bietet sich für alternative Antriebe an“. Zwischen Gießen und Lollar könnten Züge an der Oberleitung hängen, die restliche Strecke nach Londorf mit gespeicherten Strom fahren.
Werden die großen Korridorsanierungen dazu führen, dass für „kleinere“ Projekte wie die Reaktivierung der Lumdatalbahn keine Baufirmen zu finden sind? Salzmann sieht dieses Risko nicht. Zum einen habe die Bauindustrie ihre Kapazitäten erhöht, da sie nun Planungssicherheit über lange Zeit habe. „Es gibt wieder einen Wettbewerb“, sagte Salzmann. Beckers fügte hinzu, dass die Lumdatalbahn nach dem Regelwerk für nicht-bundeseigenen Eisenbahnen reaktiviert werde. Dadurch sei man flexibler und könne Lücken in den Büchern der Bauunternehmen ausnutzen, die sich bei den großen Korridorsanierungen automatisch ergeben würden. Um ein konkretes Datum zu nennen, wann die Lumdatalbahn fährt, bräuchte man jedoch eine Glaskugel, sagte Beckers.