„Heftig“
Wenn Kinder morgens nicht in die Kita möchten, sind Eltern teils ratlos. Eine Erziehungsexpertin erklärt, was hilft.
Hamburg – „Ich bringe jeden Morgen ein ‚Ich will nicht in die Kita‘-Kind zur Kita“, berichtet eine Mutter. „Ich nehme mir Zeit, kuschle, rede gut zu und irgendwann muss ich zur Arbeit gehen, auch wenn sie nicht will.“ In ihrem Beitrag auf X schildert die Frau, dass sie bereits ein schlechtes Gewissen habe, ihr Kind gegen seinen Willen in der Kita abzugeben.
Auch andere Eltern tauschen sich unter dem Beitrag zu dem Thema aus. Wenn das Kind jeden Tag protestiere, sei das „heftig“, aber: „Manchmal geht es eben nicht anders, und wenn es ‚nur‘ Trennungsschmerz im ersten Moment ist, finde ich das vertretbar“, kommentiert eine Person den Beitrag. Eine weitere Nutzerin schreibt, es komme darauf an, wie das Kind sich beim Abholen verhalte – ob es glücklich wirke oder auch nachmittags noch wütend auf die Eltern sei. Woran liegt es, dass manche Kinder nicht in die Kita möchten – und was können Eltern tun?
Erzieherin: Zügig handeln, wenn Kinder die Kita verweigern
„Es kann viele Ursachen haben, wenn Kinder nicht in die Kita möchten“, sagt Barbara Nolte, Erzieherin sowie Leiterin eines Kindergartens und Familienszentrums, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Ein Grund könne die Trennungsangst sein – etwa bei Kindern, die bisher wenig Erfahrung außer Haus hatten und überwiegend von den Eltern oder Großeltern betreut wurden. Auch bei den Unter-Dreijährigen seien Trennungsängste oft der Auslöser. Bei den Älteren habe es oft soziale Ursachen: Es könne sein, „dass Kinder mit einem anderen Kind Streit hatten, oder dass sich neue Spielgruppen gebildet haben und das Kind sich ausgeschlossen fühlt“.
Auch, wenn Kinder sich in der Autonomiephase befinden, könne es vorkommen, dass sie die Kita ablehnen. „Das Kind entdeckt in dieser Phase das Nein und stellt alles erst einmal grundsätzlich infrage. Es schaut, wie mächtig und wie wirksam es in dem Moment ist“, sagt Nolte. Überforderung könne außerdem eine Rolle spielen – manche Kinder fühlten sich in großen Gruppen schlicht nicht wohl. Bei manchen sei es auch eine vorübergehende Unlust. Erlaubten die Eltern einen Kita-Ausfalltag, weil das Kind absolut nicht möchte, sollte man diesen Tag nicht zum „Highlight des Jahres“ machen, rät die Erzieherin, „dann möchte es auch am nächsten Tag nicht in die Kita“.
Welche Ursache es auch haben mag: Entscheidend sei, zügig zu handeln. „Wenn das häufig vorkommt, ist es wichtig, dass Eltern sofort das Gespräch mit den Erzieherinnen und Erziehern in der Kita suchen“, sagt die Expertin. So könne man gemeinsam herausfinden: „Hat sich etwas verändert? Fällt etwas auf?“ Wenn sich der Grund nicht gleich herausfinden lässt, sei es sinnvoll, sich fachlichen Rat, etwa bei einem Kinderpsychologen, einzuholen. „Damit keine Verweigerungshaltung bei den Kindern entsteht und sie nicht in eine Verfestigung dieses Schemas kommen.“
Feste Rituale helfen bei der Verabschiedung
Was können Eltern dann im nächsten Schritt konkret tun? Zunächst sollten sie Verständnis zeigen und ihrem Kind etwa vermitteln: „Ich verstehe, dass du heute nicht so gerne gehen möchtest. Aber du musst trotzdem gehen, weil Mama arbeitet. Und später sind wir wieder zusammen und machen etwas gemeinsam.“ Wichtig sei zudem, sich morgens genügend Zeit einzuplanen. Die Familie sollte nicht bereits gehetzt in der Kita ankommen, wo dann alles zügig gehen müsse. „Diesen Druck können Kinder oft gar nicht verarbeiten“, sagt die Erzieherin.
„Feste, klare, liebevolle Rituale helfen.“ Ein Küsschen, ein Winken am Fenster – dann sollten die Eltern konsequent gehen. Kommen sie zurück, wenn das Kind weint, „vertieft man den Schmerz“. Manchmal würde auch ein Wohlfühlbuch mit Fotos der Familie, ein Kuscheltier oder ein Schal der Mutter kleinen Kindern helfen, gut in den Tag zu starten. Wichtig sei es in jeder Situation, die Elternrolle einzunehmen und dem Kind zu vermitteln: Die Kita ist nötig, wir sind berufstätig, wir bewältigen das gemeinsam. „Wenn Eltern selbst anfangen zu schwanken, schwankt das Kind und das ganze Familiensystem mit.“ (Quellen: eigene Recherche, X)