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Wirtschaft

Stolz auf Unabhängigkeit wird teuer: Viele Selbstständige retten ihre Firma mit dem eigenen Gehalt

Marcel Reich
24/06/2026 08:13:00

Kreditangst im Mittelstand

Fast jeder zweite Selbstständige kürzt das eigene Gehalt, statt Kredite aufzunehmen. Das kann Firmen retten – oder Wachstum verhindern.

München – Viele Selbstständige und kleine Unternehmer in Deutschland halten ihre Firma mit dem eigenen Einkommen über Wasser. Fast jeder zweite Befragte hat in den vergangenen zwölf Monaten das eigene Gehalt gekürzt oder ganz darauf verzichtet, um den Betrieb am Laufen zu halten. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Finanzdienstleisters Qonto.

Demnach gaben 46 Prozent der befragten Solo-Selbstständigen und kleinen Unternehmen in Deutschland an, ihr eigenes Einkommen reduziert oder ausgesetzt zu haben. Gleichzeitig haben 50 Prozent der deutschen Befragten noch nie eine externe Finanzierung genutzt. Die Umfrage wurde im März und April 2026 in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien durchgeführt. Insgesamt wurden 1659 Personen befragt, darunter 409 in Deutschland. Nach Angaben von Qonto ist die Studie repräsentativ für Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitenden in Deutschland.

Viele Selbstständige verzichten auf eigenes Gehalt, um ihre Firma zu stützen. Kredite kommen für viele trotz Liquiditätsdruck kaum infrage.

Viele Selbstständige kürzen ihr eigenes Gehalt

Die Ergebnisse zeigen ein Spannungsfeld, das viele kleine Betriebe betrifft: Einerseits stehen sie unter Liquiditätsdruck, andererseits schrecken viele vor Krediten oder anderen externen Finanzierungsformen zurück. 46 Prozent der Befragten nennen Liquiditätsmanagement als eine ihrer derzeit größten Herausforderungen. 34 Prozent der kleinen Unternehmen in Deutschland wollen laut Umfrage wachsen, verfügen dafür aber nicht über ausreichend Kapital.

In Deutschland sehen 27 Prozent der Befragten Kredite als Zeichen schlechter Unternehmensführung. Europaweit liegt der Wert laut Qonto mit 36 Prozent noch höher. Zugleich sagen 77 Prozent der Befragten in Europa, sie seien stolz darauf, ihr Unternehmen ohne externe Unterstützung aufgebaut zu haben.

Viele kleine Firmen verzichten auf externe Finanzierung

„46 Prozent der kleinen Unternehmen und Selbstständigen in Deutschland haben ihr eigenes Gehalt gekürzt, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. 34 Prozent wollen wachsen, haben aber nicht genug Kapital“, sagt Dr. Malte Dous, Managing Director Zentraleuropa bei Qonto. „Der Grund für beide Ergebnisse ist oft derselbe: Schulden gelten hierzulande historisch als Risiko, nicht als Werkzeug.“

Diese Haltung ist zunächst nachvollziehbar. Gerade bei kleinen Firmen und Solo-Selbstständigen hängt unternehmerische Identität oft eng mit Eigenständigkeit, Kontrolle und persönlichem Risiko zusammen. Wer sein Unternehmen aus eigener Kraft aufgebaut hat, will sich nicht leichtfertig von Banken, Investoren oder Kreditlinien abhängig machen.

Stolz auf Unabhängigkeit kann teuer werden

Doch diese Zurückhaltung kann in schwierigen Phasen zum Problem werden. Wer externe Finanzierung grundsätzlich meidet, muss Engpässe häufig selbst auffangen. Bei Solo-Selbstständigen bedeutet das schnell weniger Privatentnahme, weniger Einkommen, weniger Sicherheit. Bei kleinen Unternehmen kann es bedeuten, Investitionen aufzuschieben, Aufträge abzulehnen oder Wachstum aus eigener Kraft finanzieren zu müssen.

Dous warnt deshalb vor falscher Vorsicht. „Das Mindset verändert sich, aber noch nicht schnell genug. Wer Finanzierung grundsätzlich meidet, zahlt irgendwann dafür, ob mit dem eigenen Gehalt oder mit verpassten Chancen“, sagt er.

Finanzierungsscheu kann Wachstum ausbremsen

Die Grenze zwischen gesunder Vorsicht und schädlicher Finanzierungsscheu ist dabei nicht immer eindeutig. Kredite können riskant sein, wenn Geschäftsmodell, Auftragslage oder Rückzahlungsfähigkeit unsicher sind. Gerade kleine Unternehmen müssen genau prüfen, ob eine Finanzierung wirklich tragfähig ist.

Problematisch wird Zurückhaltung, wenn sie nicht aus sorgfältiger Planung entsteht, sondern aus Scham, Unwissen oder dem Reflex, um jeden Preis unabhängig bleiben zu wollen. Dann wird Finanzierung nicht als Werkzeug gesehen, sondern als Makel. Die Folge: Chancen bleiben liegen, obwohl sie mit planbarem Kapital erreichbar wären.

Bankkredite bleiben wichtigste Finanzierungsform

Bei den genutzten Finanzierungsformen dominieren laut Qonto klassische Bankkredite. In Deutschland nennen 58 Prozent derjenigen, die externe Finanzierung nutzen, Bankkredite. Kreditlinien und Überziehungskredite kommen jeweils auf 22 Prozent. Private Kredite von Freunden oder Familie werden in Deutschland von 14 Prozent genannt. Vorfinanzierungen von Lieferantenrechnungen spielen mit vier Prozent nur eine geringe Rolle.

Aus Sicht von Qonto sollten kleine Unternehmer Finanzierung nicht erst dann prüfen, wenn die Liquidität bereits knapp wird. Wer seinen Finanzierungsbedarf regelmäßig durchrechne, könne früher entscheiden – und nicht erst dann, wenn Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können.

Finanzierung sollte nicht erst in der Krise Thema sein

Für viele Selbstständige bleibt das dennoch eine schwierige Abwägung. Schulden können belasten. Doch wer Finanzierung grundsätzlich ausschließt, trägt ein anderes Risiko: Dann wird nicht die Bank zum Puffer, sondern das eigene Gehalt. (Verwendete Quelle: Qonto/Umfrage)

Artikel von KaiK.ai