Wenn Kinder trauern
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, kann das für Kinder besonders beängstigend sein. Was hilft ihnen, Abschied zu nehmen? Wir haben mit einer Trauer-Expertin gesprochen.
Frankfurt – Wenn der Tod in die Familie kommt, stehen Eltern vor einer der schwierigsten Aufgaben überhaupt: dem Gespräch mit dem Kind. Viele suchen nach sanften Umschreibungen, um es zu schonen – doch genau das kann nach hinten losgehen. „Kinder nehmen Sprache wörtlich. Je klarer wir sprechen, desto sicherer fühlen sie sich“, erklärt Trauer-Expertin Petra Berghaus im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Statt Euphemismen empfiehlt sie einfache, direkte Worte: „Opa war sehr krank. Sein Körper konnte nicht mehr arbeiten. Er ist gestorben. Das bedeutet, er lebt nicht mehr.“ Formulierungen wie „Er ist eingeschlafen“ oder „Er ist auf eine Reise gegangen“ sollte man hingegen vermeiden. Sie könnten Ängste auslösen – etwa vor dem Einschlafen oder vor dem Verlassenwerden.
Sollte ich mein Kind mit zur Beerdigung nehmen? Ab welchem Alter ist das sinnvoll?
Ob ein Kind zur Beerdigung mitgenommen werden sollte, gehört zu den meistgestellten Fragen in der Trauerbegleitung. Die Antwort der Expertin: „Es gibt kein festes Alter. Entscheidend ist weniger das Lebensjahr als die Begleitung.“
Wichtig sei, dem Kind die Wahl zu lassen. Zwang ist keine Option – aber ein gut gemeintes Fernhalten auch nicht unbedingt die bessere Lösung. „Kinder spüren ohnehin, dass etwas passiert. Beteiligung schafft Zugehörigkeit“, so die Expertin. Wer sein Kind aus Schutzgedanken zu Hause lässt, nimmt ihm möglicherweise die Möglichkeit, Abschied zu nehmen und Teil der Gemeinschaft in der Trauer zu sein. Voraussetzung für eine Teilnahme ist jedoch, dass das Kind vorbereitet wird und eine vertraute Person an seiner Seite hat, die sich um es kümmern kann.
Gut vorbereitet Abschied nehmen
Damit die Beerdigung für Kinder keine erschreckende Erfahrung wird, empfiehlt die Expertin eine gute Vorbereitung: „Beschreiben Sie konkret, was es sehen wird: ‚Da steht ein Sarg. Menschen sind traurig. Manche weinen. Vielleicht wird Musik gespielt.‘“
Kinder bräuchten Bilder, keine abstrakten Erklärungen. Genauso wichtig sei ein klarer Plan B: „Wenn es dir zu viel wird, gehen wir kurz raus.“ Dieser eine Satz könne eine enorme Entlastung sein. Allerdings gibt die Expertin zu bedenken: „Das alles geht natürlich nur, wenn man selbst dafür bereit ist, so auf das Kind einzugehen. Wer selbst emotional am Ende ist, hat eventuell keine Kraft mehr, für das Kind da zu sein, wie es wünschenswert wäre.“
Über Petra Berghaus
Petra Berghaus ist Trauersängerin und begleitet seit vielen Jahren Abschiede bei Trauerfeiern. Aus ihrer eigenen Trauererfahrung heraus entwickelte sie den Trost-Tiger – heute eine feste Leitfigur in der kindgerechten Trauerbegleitung. In ihrem neuen Buch „Ich tröste dich“ verbindet sie persönliche Erfahrungen, fachliche Impulse und praktische Anregungen für Familien.
„Kinder trauern in Portionen“
Wer beobachtet, wie ein Kind kurz nach der Todesnachricht ausgelassen spielt, ist manchmal irritiert oder sogar verletzt. Doch dieses Verhalten ist völlig normal, erklärt die Expertin: „Kinder trauern in Portionen. Ihr Nervensystem schützt sie vor Überforderung. Sie tauchen in die Traurigkeit ein und gehen dann wieder ins Spiel.“
Das sei keine Verdrängung, sondern gesunde Selbstregulation. Eltern können dieses Wechselspiel gelassen begleiten – ohne es zu werten oder zu unterbrechen. Lesen Sie auch: Ist es lebensbejahend, zwischen Gräbern zu joggen?
Wann braucht ein Kind professionelle Hilfe?
Trauer ist ein natürlicher Prozess, der Zeit braucht. Doch manchmal gibt es Zeichen, die auf eine Überforderung hindeuten, bei der professionelle Unterstützung sinnvoll ist. „Trauer darf schwanken, sie sollte aber nicht erstarren“, sagt die Expertin.
Auf folgende Warnsignale sollten Eltern achten:
- Dauerhafter Rückzug vom sozialen Leben
- Anhaltende Schlafstörungen
- Extreme Schuldgefühle
- Keine emotionale Bewegung über mehrere Wochen
- Anhaltende Aggression oder körperliche Symptome ohne medizinische Ursache
Zeigen sich solche Muster über einen längeren Zeitraum, empfiehlt die Expertin, genauer hinzuschauen und gegebenenfalls eine Fachperson hinzuzuziehen. (Quelle: Eigene Recherche) (jade)