„Solange er lebt, helfen wir ihm“
Ob der Buckelwal es tatsächlich doch in die Ostsee schafft? Vor der Insel Poel läuft eine beispiellose Rettungsmission – von der Fachleute wenig halten.
Poel – Das Schicksal des Buckelwals in der Ostsee bewegt viele Menschen in Deutschland. Per Livestream beobachten Tausende, wie der Meeressäuger vor der Insel Poel im flachen Wasser liegt. Sein Rücken, mit Zinksalbe versorgt, lässt ihn leicht von weitem erkennen. Das Tier ist schwer krank, hat noch ein Stück Leine im Maul. Trotzdem versucht ein Retterteam, den Buckelwal Richtung Ostsee zu bewegen. Auch wenn sich der Wal plötzlich am Montagmorgen selbst kurz freigeschwommen hat, halten Expertinnen und Experten an einer düsteren Prognose fest.
„Nach allen uns vorliegenden Informationen ist dieser Wal krank und stark geschwächt“, sagt Thilo Maack, Meeresexperte von Greenpeace, laut einer aktuellen Mitteilung. Die Organisation verweist auf das wissenschaftliche Gutachten des Deutschen Meeresmuseums (DMM) und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW), das das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern auf seiner Webseite veröffentlicht hat.
Buckelwal in der Ostsee – Fachleute gegen weitere Rettungsversuche
Demnach seien die Erfolgsaussichten des Tieres bei einer Lebendbergung sehr gering und gingen mit einem hohen Verletzungsrisiko einher. Auch internationale Fachleute der International Whaling Commission (IWC) bestätigten in einer Stellungnahme die Ergebnisse des Gutachtens, dass weitere Maßnahmen das Leid verlängern würden. Diese Einschätzung teilt auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC).
Es ist eine Position, die für viele Menschen schwer zu ertragen ist. Selbst Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus steht zu diesem wissenschaftlichen Gutachten. „Er orientiert sich stark am flachen Gewässer. Deswegen stimmt unser Gutachten“, sagte der Minister am Montagabend (20. April) vor der Presse. Und weiter: „Aber er hat eine Chance. Vielleicht schafft er es jetzt.“
Der Ausgang sei ungewiss, betont Backhaus. Nach dem Freischwimmversuch am Montag steckt der Buckelwal an einer anderen Stelle fest. „Aber man sieht eben auch: Er ist aktiv, er will. Deswegen ist es immer noch berechtigt, ihm zu helfen.“
„Er atmet ja, er lebt“ – Wal vor der Insel Poel laut Backhaus quasi im „Hospiz“
Anfang April hieß es, der Wal liege im Sterben und solle in Ruhe gelassen werden. Das wissenschaftliche Gutachten wurde veröffentlicht, um die Entscheidung für jeden nachvollziehbar zu machen. Täglich informierte Backhaus über Atemfrequenz und Zustand des Wals. Es ginge darum, dem Wal palliativ zu helfen, der zuvor viermal auf einer Sandbank gestrandet war. Doch der Buckelwal atmete weiter. Das Ministerium wurde mit Hassnachrichten überflutet. Minister Backhaus berichtet von Anfeindungen und Todesdrohungen auch gegen seine Familie.
„Er atmet ja, er lebt. Aber, ich bin der festen Überzeugung, er ist im Hospiz, wenn ich das so sagen darf. Er ist krank und wir sollten ihm wirklich die Ruhe gönnen“, sagte Backhaus am 10. April in einem Video. „Wenn er richtige Aktivitäten jetzt auslöst, dann werden wir uns das sehr genau anschauen.“ Er sei auch tief betroffen von dem Zustand des Wals. „Ich leide mit dem Wal.“ Und auch: „Ich werde ihn begleiten, bis zur letzten Minute.“
Dr. Till Backhaus (SPD) – langjähriger Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern – versucht, die Wogen zu glätten. „Der Wal heißt bei mir Hope, das heißt ja Hoffnung, und die stirbt zuletzt“, sagte Backhaus kurz zuvor. „Ich drücke ihm die Daumen, dass er alles an Kraft aufwendet, uns zu zeigen: So, ich will hier raus.“ Fast im gleichen Atemzug, verweist der Minister jedoch erneut auf die Meinung der Fachleute: „Alle Experten sagen, dass er wieder stranden wird. Alle Experten sagen, dass er die Heimreise nicht schafft.“
„Solange er lebt, helfen wir ihm“ – Umweltminister Till Backhaus hält an Buckelwal-Ostsee-Rettung fest
Für alle überraschend: Fünf Tage später (16. April) gibt es grünes Licht für einen erneuten „privaten“ Rettungsversuch. Vor 16 Tagen war der Buckelwal vor der Insel Poel gestrandet. Der kritische Zustand des geschwächten Wals mit Wasser in der Lunge hatte sich offenbar verbessert: „Wir wissen, dass er regelmäßig atmet, zwischen zwei und vier Minuten. Die Bewegungen sind da. Er zeigt, dass da noch Leben drinsteckt. Er ist agil.“
Trotz der Zweifel von Umweltorganisationen und Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft hält der Umweltminister an der Idee fest, um dem Wal eine „Chance“ zu geben. Von Ministeriumsseite wird die privat finanzierte Rettungsaktion begleitet und überwacht. Die Verantwortungen tragen die Initiatoren.
Tierwohl und Tierschutz stehen bei der ganzen Aktion im Mittelpunkt. „Wenn das abdriftet in eine Richtung, dass dem Tier Schaden zugefügt wird, dann ist eine Grenze erreicht“, sagte Backhaus am Dienstagmorgen (21. April) in Kirchdorf vor der Presse. Der Buckelwal sei nun zum fünften Mal gestrandet. Seine Orientierung führe ihn immer wieder in flache Gewässer. Auch das müsse man zur Kenntnis nehmen. „Auf der anderen Seite habe ich persönlich immer gesagt, wir helfen ihm. Solange er lebt, helfen wir ihm.“ (Quellen: Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern, Greenpeace, IWC, dpa) (ml)