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Kultur

„Kenne ich“: Warum Menschen in Gesprächen die Ich-Brücke benutzen

Jana Stäbener
09/10/2026 06:54:00

Neurodiversität verstehen

Wer in Gesprächen die Ich-Brücke benutzt, wirkt schnell unsympathisch – dabei steckt genau das Gegenteil dahinter.

Frankfurt – Es ist Montag, 11:30 Uhr. Zwei Frauen, die sich drei Jahre nicht gesehen haben, treffen sich auf dem Parkplatz vor einer Drogerie. Eine erzählt, dass ihr Mann sie für eine andere verlassen hat. Die zweite nickt, wartet auf eine Pause – und erzählt dann von ihrer eigenen Trennung. Die erste Frau schaut kurz auf ihr Handy. Dann sagt sie: „Du hast dich wirklich kein Stück verändert“ und geht.

„Meine Mama macht das oft. Ich höre dann einfach auf zu reden. Eigentlich traurig“, sagt eine Person über die Ich-Brücke in Gesprächen, die viele unbewusst nutzen. (Symbolbild)

„Damals wusste ich nicht, dass man das Ich-Brücke nennt“, schreibt Verena Eisbrenner, die zweite Frau aus der eben beschriebenen Situation, auf Instagram. „Jemand erzählt dir etwas Persönliches, Schmerzhaftes – und du antwortest mit deiner eigenen Geschichte. Nicht aus Selbstbezogenheit. Aus dem Wunsch, zu verbinden“, schreibt sie. Für ADHS- und Autismus-Betroffene, so wie sie selbst, sei das ein sehr gängiges Gesprächsverhalten. „‚Ich verstehe dich, mir ist das auch passiert‘ – das soll heißen: ‚Du bist nicht allein‘“, sagt Eisbrenner. „Ein Versuch, zwei Erfahrungen zu verbinden, der manchmal genau das Gegenteil bewirkt.“

Ich-Brücke in Gesprächen kann einen tiefer liegenden Grund haben

„Neurodivergente Menschen kommunizieren oft ein bisschen anders“, sagt Judith Rommel, erste Vorsitzende des Bundeszentrums für Neurodiversität (BZND), der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Manche seien sehr direkt, ohne viel Smalltalk oder Andeutungen, was für neurotypische Personen manchmal „zu ehrlich“ wirke. Augenkontakt, Mimik oder Körpersprache würden teilweise weniger intuitiv oder bewusst eingesetzt. Auch Spezialinteressen seien ein Thema. „Viele sprechen mit großer Begeisterung und Tiefe darüber, was von anderen schnell als abschweifend empfunden wird.“

Auch das Phänomen der Ich-Brücke sei bekannt, sagt Rommel, widerspricht aber dem Gedanken, dass Neurodivergenz automatisch mit dieser Art der Gesprächsführung einhergehe. Das könne man „so pauschal nicht sagen“, sagt sie. Nicht jeder Mensch mit ADHS oder Autismus kommuniziere auf diese Weise. Und nicht jeder, der die Ich-Brücke benutzt, sei neurodivergent. Das Muster tauche in vielen verschiedenen Kontexten auf. „Ob jemand ichbezogen ist oder einfach anders kommuniziert, lässt sich oft nicht objektiv am Gesprächsverlauf festmachen – es ist vor allem eine Frage der Interpretation“, sagt sie.

Was bei neurodivergenten Menschen häufig vorkomme, sei ein anderes Verständnis davon, wie Nähe und Verbundenheit ausgedrückt werden. Die Ich-Brücke sei in diesem Sinne kein Zeichen von Desinteresse, sondern von aktivem Zuhören – nur eben auf eine Art, die neurotypische Gesprächspartner oft als Unterbrechung erleben. Das Gegenüber fühlt sich übergangen, obwohl die andere Person genau das Gegenteil beabsichtigt hat. „Viele neurodivergente Menschen assoziieren anders, machen scheinbar abrupte Themenwechsel oder reihen persönliche Erfahrungen aneinander wie: ‚Das kenne ich! Ich habe das auch erlebt‘“, sagt Rommel. „Das ist meist kein Ego-Trip, sondern ein Versuch, Verbindung über geteilte Erfahrung herzustellen.“ Auch Gedankensprünge seien hier oft kein Zeichen von Desinteresse, sondern entstünden, wenn „im Kopf viel parallel“ laufe.

Wirkt in Gesprächen unsympathisch: „Leider kommt beim Gegenüber das Gegenteil an“

„Ich mache das auch, um zu zeigen, dass ich das Gefühl kenne und mitfühle. Leider kommt beim Gegenüber das Gegenteil an. Ich habe lange gebraucht, um das zu kapieren. Mir fällt es unheimlich schwer, mein Verhalten zu ändern und einfach nur zuzuhören“, schreibt eine Person unter dem Instagrambeitrag von Eisbrenner. Einer weiteren sei auch erst aufgefallen, dass sie die Ich-Brücke unbewusst nutze, als sie davon auf Social Media gelesen habe. „Seither versuche ich, noch mehr darauf zu achten, was ich sage – es ist so anstrengend und nervt“, kommentiert sie unter dem Video.

Wie fühlt sich die Ich-Brücke für andere an? „Meine Mama macht das oft. Ich höre dann einfach auf zu reden. Eigentlich traurig“, erzählt eine Frau in den Kommentaren. Die Ich-Brücke kann – obwohl sie oft das Gegenteil bewirken soll – Beziehungen belasten. Besonders dann, wenn keine der beiden Seiten weiß, dass sie schlicht unterschiedlich kommuniziert. Für neurodivergente Menschen sei es oft eine Erleichterung, wenn sie erfahren, dass ihr Gesprächsverhalten einen Grund hat. Für ihr Gegenüber kann das Wissen darum helfen, weniger verletzt zu reagieren.

Rommel betont, wie wichtig es sei, nicht vorschnell zu urteilen. Wer jemanden als narzisstisch abstempelt, weil er in Gesprächen häufig auf eigene Erlebnisse zurückgreift, übersieht möglicherweise, dass hinter diesem Verhalten ein ganz anderes Kommunikationsmuster steckt – eines, das auf Verbindung zielt. Die Ich-Brücke sei weniger ein Diagnosekriterium als ein Kommunikationsstil. Ob sie als störend oder verbindend wahrgenommen wird, hängt nicht nur vom Sprecher ab – sondern auch vom Gegenüber. (Quellen: eigene Recherche, Instagram)

Artikel von Soester Anzeiger