Unterricht im Wald
Zwei Klassen der Aßlinger Grundschule haben in einem Waldstück 100 Kirschbäume und Buchen gepflanzt. Das Projekt begleitet Lehrerin Kathrin Geissler seit März – mit einem ungewöhnlichen Lernort.
Aßling – Von Martus gibt es nur kurz ein Daumen hoch. Zu sehr ist der Viertklässler damit beschäftigt, mit seinem Hohlspaten ein Loch in den störrisch-harten Waldboden zu stechen. Mit beiden Beinen steht er auf der Trittkante des Spatens, den Stil hat er fest umklammert. Er wippt vor und zurück. Er will unbedingt ein Loch in den Boden stampfen, das Platz für eine gut 50 Zentimeter hohe Buche bietet. Sein ausgestreckter Daumen signalisiert: „Diese Aktion gefällt mir.“
Schüler lernen viel über die wichtige Bedeutung des Ökosystems Wald
Martus und seine Mitschüler aus den Klassen 4a und 3b der Aßlinger Grundschule haben an diesem kalten Vormittag eine Mission: Sie wollen 100 Kirschbäume und Buchen in einem Waldstück der Familie Krichbaumer gut 300 Meter nördlich der Glonner Straße pflanzen. Gut 30 Meter vom Ort der Pflanzung entfernt befindet sich das Waldklassenzimmer der Grundschüler. Ihre Stühle sind abgesägte Baumstümpfe, ihre Tafel bilden die Bäume und Büsche, das Moos und das Totholz – und mitunter sei auch schon einmal in einer Unterrichtsstunde ein Reh vorbeigeflitzt, berichtet Felix.
„Unterricht im Wald“ nennt sich das Projekt, welches die Aßlinger Grundschullehrerin Kathrin Geissler seit März dieses Jahres federführend begleitet hat. Unterstützt wird sie dabei von Lisa Scherbel und Lilith Vetter von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Die Kinder hätten gelernt, wie wichtig der Wald als Lebensraum, aber auch als Klimaschützer sei, sagt Kathrin Geissler. „Lebensraum erleben“ lautet das Motto. In verschiedenen Experimenten haben die Schüler gelernt, wie das Ökosystem Wald funktioniert, dass Laub und Totholz kein Müll sind und warum es wichtig ist, diesen Lebensraum zu schützen. Vorgetragen wird dies von den sichtlich aufgeregten Schülern bei einem Theaterstück in ihrem „Klassenzimmer“ unter dem Nadeldach.
Die Kinder haben wahnsinnig viel gelernt.
Kathrin Geissler, Konrektorin der Aßlinger Grund- und Mittelschule.
„Die Kinder haben wahnsinnig viel gelernt“, erklärt Geissler. So habe man in einem Experiment nachgewiesen, dass nasses Moos zehnmal so schwer sei wie trockenes. Auch habe man mit einem CO₂‑Maßband vermessen, wie viel CO₂ ein einzelner Baum aufnehmen könne. „Die Schüler haben viel Wissen angesammelt und auch in die Tat umgesetzt.“
Und an diesem Tag rutschen sie nervös auf ihren Baumstümpfen hin und her. Sie können es nicht erwarten, endlich zur Tat – sprich zum Pflanzen der Bäume – auszuschwärmen. Als sie es endlich dürfen, sausen sie mit ihrem Spaten in der Hand los. Ein wildes Gewusel, aufgeregtes Geschnatter, tatkräftiges Anpacken. Greta, Amalia und Ella haben bereits ihre erste Buche gepflanzt. Vorsichtig schieben sie mit ihren Händen die Erde um den Setzling, der noch gar nicht wie ein mächtiger Baum, sondern eher wie ein verwundbares Pflänzchen aussieht. Für ein kurzes Gespräch stehen die drei grinsenden Mädchen nicht zur Verfügung – keine Zeit, sie sausen weiter, es gilt noch, einen Kirschbaum zu pflanzen.
Max hat mit seinem Spaten schon ein beachtliches Loch geschaufelt. „Ich bin mit meinem Opa viel im Wald unterwegs“, sagt er nebenbei. „Aber jetzt weiß ich noch viel mehr.“ Genau dieses Ziel verfolgt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald mit ihren Projekten, die sie in und rund um München anbietet. „Die Kinder erleben, wie schön es im Wald sein kann“, sagt Lisa Scherbel. „Im Grundschulalter ist die Naturverbundenheit noch so stark ausgeprägt, dass sich dies langfristig in den Werten der Kinder verankert.“ Das Ziel sei es, die Kinder auf die vielfältigen Funktionen des Waldes aufmerksam zu machen, damit sie später den Wald als schützenswert betrachten. Mitfinanziert wurde das Projekt von der Energieagentur München-Ebersberg.
Begeistert sind nicht nur die Kinder. „Ich finde es cool, dass man durch dieses Projekt bei den Kindern einen Samen pflanzt, aus dem später hoffentlich ein großes Umweltbewusstsein wächst“, sagt Aßlings Bürgermeister Sebastian Brilmayer, der bei der Aktion im Wald dabei war.