Igelschutz in Rotenburg
Verletzte Igel bereits auf Vorjahresniveau: Expertin erwartet weiteren Anstieg. Igeltore können helfen.
Rotenburg/Hemphöfen – Die Igelpflege Rotenburg hat nach eigenen Angaben Mitte Oktober bereits so viele Igel aufgenommen wie im gesamten Jahr 2025: 579 stationär und rund 500 weitere ambulant. Viele der Tiere kommen mit schweren Verletzungen in die Station, die sie sich in Gärten oder im Straßenverkehr zugezogen haben. Vereinsmitglied Merwel Otto-Link sieht nicht nur Autofahrer in der Verantwortung, sondern auch Städte, Gemeinden und Gartenbesitzer. Wie sich Gefahren für die Tiere vermeiden lassen, hat sie Kindern der Kindertagesstätte Hemphöfen erklärt. Gemeinsam mit dem Hausmeister haben sie zwei Igeltore in den Zaun eingebaut, damit die Tiere leichter zwischen Grundstücken wechseln können.
„Sobald ein Platz auf unserer Krankenstation frei wird, ist der sofort wieder belegt“, beschreibt Otto-Link die aktuelle Lage bei der Igelpflege. 2025 habe der Verein bereits 100 Igel mehr aufgenommen als 2024. Und die Zahlen wachsen stetig. Insgesamt, schätzt Otto-Link, werden es zum Ende dieses Jahres mehr als 1.000 Igel sein. Besonders häufig versorgt die Station Tiere mit schweren Verletzungen durch Freischneider, Mäharbeiten und stecken gebliebene Tiere in Zäunen und Mauern. Hinzu kämen Unfälle auf Straßen: „Im Herbst sieht man häufiger totgefahrene Igel, was daran liegt, dass die Tiere dämmerungs- und nachtaktiv sind“, so Otto-Link. Durch die eher einsetzende Dunkelheit überschneidet sich der Rhythmus der Igel mit dem der Menschen. Dazu kommt: Jungigel, die im August und September geboren werden, würden gerade jetzt flügge und auf Nahrungssuche gehen. Eine Absperrung wie Krötenzäune zur Straße sei nicht sinnvoll, weil „Igel große Reviere haben“, weiß die Expertin. „Hier würde ein Schutzzaun mit Klappen sinnvoll sein, die sich nur ins Grün öffnen, aber nicht zur Straße“, schlägt sie stattdessen vor.
Verletzte Fundtiere
Interessierte und Gartenbesitzer können sich auf der Internetseite www.igelpflege-rotenburg-wümme.org unter dem Punkt „Gefahren“ weiter informieren. Der Verein fertigt die Igel-Tore selbst und gibt sie gegen eine Spende ab. Bei Notfällen direkt aus Rotenburg bittet der Verein um eine Nachricht mit genauer Fundangabe auf dem Anrufbeantworter unter 04261/846464.
Nicht nur Autofahrer können laut Otto-Link durch umsichtiges Fahren etwas für die Säugetiere tun: „Der Landkreis und die Stadt können beauftragten Firmen Auflagen erteilen, sodass bei Mäharbeiten grundsätzlich vorher nach Igeln geschaut wird, bevor bodennah mit Freischneidern alles geschnetzelt wird“, erklärt diese. Zaundurchgänge schaffen und Lichtschächte an öffentlichen Gebäuden sichern, schlägt sie außerdem vor. Dazu appelliert sie für eine Beschränkung von Mährobotern, sodass diese nur noch tagsüber laufen dürften. Die Stadt Rotenburg äußert sich auf Anfrage, dass „im Rahmen der Möglichkeiten darauf geachtet wird, dass keine Igel bei Grünarbeiten verletzt werden.“ Aktuell seien auf Grünflächen der Stadt und des Landkreises keine Mähroboter im Einsatz. Der Landkreis versichert ebenfalls, dass die eigenen Mitarbeiter, die für die „Pflege- und Instandhaltungsmaßnahmen“ zuständig seien, „für den Umwelt- und Artenschutz sensibilisiert“ und vor dem Einsatz von Freischneidern „unübersichtliche Bereiche kontrolliert“ würden. Allerdings: „Eine vorherige Durchsicht der Grünflächen ist bei der Pflege von 89 Kreisstraßen mit rund 650 Kilometern leider nicht möglich“, erklärt der Landkreis. Potenzielle Gefahrenquellen, wie zugängliche Lichtschächte, würde der Landkreis für seine kreiseigenen Gebäude sichern.
Auch im Garten könne einiges für die Stacheltiere, die es seit rund 60 Millionen Jahren gibt und die seit 2024 auf der Vorwarnstufe der Roten Liste für bedrohte Arten sind, getan werden. Mit einer naturnahen Gartengestaltung ohne Gift und liegengelassenem Laub sowie Totholz trage man aktiv zum Igelschutz bei, was auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) bestätigt. All das lernten in der Kita Hemphöfen die Zwei- bis Sechsjährigen, bevor sie gemeinsam mit dem Hausmeister zwei Igeltore in den Maschendrahtzaun einbauten. Die sollen den Tieren den Weg zwischen den Grundstücken öffnen. Was oftmals passiert, wenn es keinen Durchgang gibt, schildert Otto-Link wie folgt: Die Igel „passen mit dem Kopf durch den Zaun, merken dann, dass der Körper nicht passt, und kommen nicht mehr zurück, da die Stacheln das Rückwärtsmanöver wie Widerhaken verhindern.“ Wer keine Tore in seinen Zaun bauen möchte, kann laut Bund zehn Zentimeter Bodenfreiheit lassen.
Unsere räumlichen Kapazitäten lassen leider nicht mehr Aufnahmen zu, aber der Bedarf ist riesig.
Merwel Otto-Link, Igelpflege Rotenburg/Wümme
Die Kita hatte sich im Zuge ihres Vorhabens, eine natur- und tiergestützte Einrichtung zu werden, dem Igelschutz gewidmet. „Zudem ist es uns wichtig, dass wir einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder und zur Umgebung herstellen und mit anderen Institutionen in eine Zusammenarbeit kommen“, erklärt Melanie Timm vom Kindergarten. So sei auch der Kontakt zu Igelhelferin Otto-Link entstanden. Diese sei mit zwei Igelbabys vorbeigekommen und habe die Lebensweise der Igel den Kindern nähergebracht, berichtet Timm. Dabei wurden Fragen wie „Was braucht er zum Leben, was frisst er gerne und wo lebt er?“ kindgerecht beantwortet. Laub, das am Eingang der Kita entfernt worden war, verteilten sie unter einer Hecke. Dort können Igel nach Nahrung suchen und einen Platz für den Winterschlaf finden.
Bei den Kindern soll der Lehrauftrag nicht enden: „Wir wollen erreichen, dass die Familien das richtige Futter zur Verfügung stellen, über den Mähroboter nachdenken oder das Laub im Garten sinnvoll einsetzen“, und die Kinder seien dazu die „Multiplikatoren für ihr Umfeld zu Hause“, erklärt Timm. Zudem sind sie die nächste Generation, die einen Garten gestalten wird. Die „Hallo kleiner Igel, zeig mir deine Welt“-Hefte, die der Rotary Club gespendet hatte, begleiteten das Projekt. Die Igelhilfe wird laut Timm nicht vor den Toren im Kita-Zaun enden: „Wir haben diese Woche mit den Kindern Kürbisbrote gebacken und gegen eine Spende abgegeben. Diese Spende wollen wir dafür verwenden, um eine Igelpatenschaft zu übernehmen.“