Weihnachten im Krieg
Pastor Wilhelm Steinwede wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen. Er schrieb an seine Familie 1940. Vier Jahre später berichtet seine Frau von der Weihnachtszeit.
Kirchlinteln-Wittlohe – Pastor Wilhelm Steinwede († 1982) amtierte von 1932 bis 1962 in der St.-Jakobi-Kirchengemeinde Wittlohe. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er eingezogen und war bis zum Ende Wehrmachtssoldat. Im Folgenden wird über zwei Briefe berichtet, die beide zur Weihnachtszeit geschrieben wurden: ein Brief von ihm vom 25. Dezember 1940 aus der französischen Stadt Nantes an seine Ehefrau Maria († 1951) und ein weiterer Brief von Maria an ihren Ehemann vom 26. Dezember 1944.
Der Zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe (Zwik) wurde vor Kurzem von Susanne Steinwede-Bektas, Tochter von Gerhard Steinwede – Sohn von Wilhelm Steinwede – ein Teil des umfangreichen Briefwechsels zwischen Wilhelm und Maria überlassen.
„Meine Gedanken sind sehr, sehr viel bei euch und es ist hier doch kein rechtes Weihnachten, weil ihr mir fehlt und nichts Freundliches, Heimeliges mich umgibt. Ich habe viel Sehnsucht und Heimweh nach euch“, schreibt Wilhelm am Abend des Zweiten Weihnachtstags. Es ist bereits das zweite Weihnachten, an dem er nicht im Kreis seiner Familie sein kann. „Als ich gestern Nachmittag durch die grauen, schmutzigen Straßen der Stadt zu der Kirche ging, in der für die Wehrmacht ein Weihnachtsgottesdienst gehalten wurde, musste ich, nun hier wie in Wittlohe, auch in der Kirche, die Kinderherzen voll seliger Erwartung, schauen in die Weihnachtslichter, singen die Weihnachtslieder und hören die Weihnachtsbotschaft.“ Es sei für ihn aber nicht wie in der Heimat gewesen.
Am Abend wurde in der Kompanie Weihnachten gefeiert. „Wir hatten einen Raum, der sonst als Schlafraum benutzt wird, freigemacht und etwas nett hergerichtet, zwei Bäume mit Lichtern darin und auch auf mit weißem Papier gedeckten Tischen brennende Kerzen.“ Nach zwei bekannten Liedern: „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“, wurde ausgepackt und getrunken. „Jeder hatte eine große Tüte bekommen mit Keksen, Schokolade, Bonbons, Äpfeln, eine Semmel und einer Flasche Rotwein. Wir hatten aus unserer Kompaniekasse dann noch etwas dazu gekauft, für jeden eine Flasche Sekt, der war am leichtesten zu bekommen, und noch ein kleines Geschenk im Wert von ein bis zwei Mark, sodass die Tische ganz voll beladen waren.“
Es ist hier doch kein rechtes Weihnachten, weil ihr mir fehlt und nichts Freundliches, Heimeliges mich umgibt.
Wilhelm Steinwede
Für die deutschen Soldaten war dieses Weihnachten in einem fremden Land, das sie überfallen hatten, etwas Besonderes. Steinwede schreibt: „Meine Soldaten scheinen sich hier bei der Art, Weihnachten in Frankreich zu feiern, ganz wohl zu fühlen. Sie sind ja fast alle aus kleinen, ärmlichen Verhältnissen im Sudetenland und freuen sich wie die Kinder, dass sie nun mal so aus dem Vollen leben können, alle Tage Wein und Sekt trinken und fleißig die französischen Lokale besuchen.“ Trotz des Kriegs „läuft diese Tage noch viel Post ein“, schreibt er und versucht, Wünsche aus Wittlohe zu erfüllen: „Ich will euch Wolle besorgen, so gut ich kann; mit Damenstrümpfen ist es schwieriger, was Ordentliches bekommt man kaum, auch mit Schuhleder wird wohl kaum etwas zu machen sein, denn Leder ist recht knapp.“ Wie in Wittlohe ist es auch in Nantes sehr kalt. Wilhelm Steinwede verabschiedet sich von seiner Frau und den Kindern, „weil mir kalt wird und mich nach dem warmen Bett verlangt“.
Vier Jahre weiter, am Zweiten Weihnachtstag 1944, schreibt Maria ihrem Mann. Sie sitzt morgens im Weihnachtszimmer und denkt an ihn, wie es ihm wohl geht „bei dieser eisigen Kälte“. In Wittlohe laufen die Jungs bei minus zwölf Grad Celsius Schlittschuh auf dem Eis. Maria berichtet über die letzten Tage vor dem Fest. Die zwei großen Tannenbäume in der Kirche waren ohne Lichter. „Es war verboten, welche anzustecken.“
„Sonntagmorgen haben wir in der Kirche geübt und geflötet, mir froren fast die Hände an den Orgeltasten fest.“ Heiligabend, nach der Kirche, wurden den Hamburger Familien kleine Tannenbäume gebracht. „Dann aßen wir unseren üblichen Fleischsalat mit selbst gebackenen Brötchen.“
Wir frieren alle sehr in dem kalten Haus. Nur das Weihnachtszimmer ist herrlich warm. Dafür hatte ich noch einige Eierkohlen gespart.
Maria Steinwede
Am Ersten Weihnachtstag kam Pastor von Bremen ganz von Verden mit einer Kutsche. Maria ist beeindruckt von dem alten Herrn, was er an diesem einen Tage alles geleistet hat, und das bei der Kälte: „Er hatte dann erst den Gottesdienst, anschließend Trauerfeier für Kehlenbeck aus Nedden, den Mann von unserer Schneiderin, ich schrieb dir ja schon davon. Dann zwei Taufen, Beerdigung von Ernst Lühning aus Otersen, der Sohn von dem alten Lühning, der neulich beerdigt wurde. Er wohnte in Bremen, ist hier aber gestorben. Dann fuhr Pastor von Bremen nach Nedden zu einer Kriegstrauung.“
Maria macht sich Sorgen, dass die Kälte die Wasserrohre platzen lässt. „Jetzt fangen die Wasser-Kalamitäten an. Wir haben oben alles ablaufen lassen und stellen abends unten auch alles ab. Aber wenn es in der Erde friert, sind wir ja machtlos. Hoffentlich hält der Frost nicht so lange so stark an. Es ist ja auch zu knapp mit den Kohlen. Wir frieren alle sehr in dem kalten Haus. Nur das Weihnachtszimmer ist herrlich warm. Dafür hatte ich noch einige Eierkohlen gespart.“
Ohne auf das aktuelle Kriegsgeschehen einzugehen, beendet Maria den Brief mit der Frage: „Bekommst du vorläufig gar keinen Urlaub?“ Dreieinhalb Monate später war der Krieg vorbei. Am 12. April 1945 kamen britische Soldaten auf ihrem Vormarsch nach Wittlohe und vertrieben die Wehrmachtssoldaten.