Jugendamt Rotenburg
Das Jugendamt Rotenburg weist Kritik an seiner Arbeit nicht pauschal zurück. Zugleich verweist es auf Reformen, Personalmangel und steigende Kosten.
Rotenburg – Das Jugendamt des Landkreises Rotenburg steht häufig in der Kritik. Erst im Juni kritisierte Rainer Orban, Psychologe und ehemaliger Vorstand der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe, unter anderem: „Die fatale Unfähigkeit des Jugendamtes, sich zu ändern, verhindert Verbesserung.“ Orban bemängelt, dass sich die Strukturen der Jugendhilfe aus seiner Sicht nicht ausreichend an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst hätten.
„Die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe im Landkreis befindet sich stetig im Wandel“, erklärt sich das Jugendamt schriftlich. Dieser Wandel sei allein schon bedingt durch Reformen im Kinder- und Jugendhilferecht, etwa dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Auf diese immer neuen Anforderungen muss das Jugendamt reagieren und sich entsprechend immer wieder anpassen. Ein Beispiel ist die Ganztagsferienbetreuung, für die das Jugendamt seit diesem Schuljahr Betreuungsmöglichkeiten für Grundschulkinder anbietet. Doch auf die neuen Anforderungen zu reagieren, sei auch für das Jugendamt eine Herausforderung.
„Es gilt vor allem, bei sinkenden Personal- und Finanzressourcen, die umfassende zu erwartende Gesetzesreform der Kinder- und Jugendhilfe umzusetzen, ohne das Alltagsgeschäft aus dem Auge zu verlieren“, lautet die Aussage des Jugendamts. Derzeit arbeiten über 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jugendamt.
Fachkräftemangel sei auch hier ein Thema: „Es ist festzustellen, dass der organisatorische, personelle und finanzielle Aufwand, der zur Umsetzung gesetzlicher Vorgaben zu betreiben ist, unterschätzt wird.“ Heißt übersetzt: Zu wenig Mitarbeiter, knappe Finanzen und zu viele Vorgaben schränken die Handlungsfähigkeit ein Stück weit ein.
Und die Kosten steigen. Der Landkreis Rotenburg gab 2025 rund 39,9 Millionen Euro für die Jugendhilfe aus, 2023 waren es noch etwa 23,2 Millionen Euro. „Es gibt immer mehr schwierige Kinder, obwohl wir jährlich mehr Geld ausgeben“, meint Jugendamtsleiterin Ulrike Helle im Juni im Jugendhilfeausschuss. Stefan Jacobsen, kaufmännischer Vorstand der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe, hält dagegen, dass die massiv gestiegenen Kosten der Jugendhilfe mit Inflation und den steigenden Personalkosten nicht erklärt werden könnten. Man hinke trotz Mehrkosten den aktuellen Entwicklungen hinterher.
Aber was genau macht ein Jugendamt eigentlich? Beratung, Förderung, Kinderschutz, Sicherstellung des Rechtsanspruchs auf Kindertagesbetreuung, frühe Hilfen sowie Kinder- und Jugendarbeit listet das Amt auf. Dafür arbeitet das Jugendamt mit Kooperationspartnern und Netzwerken zusammen. Aber Kinder- und Jugendhilfe sei eben auch von vielen Faktoren abhängig, etwa Inklusionsangeboten oder psychischen Hilfen. Wenn diese den Bedarf nicht abdecken, müsse das Jugendamt wiederum verstärkt einspringen.
Betreut werden derzeit rund 1.260 Kinder und Jugendliche sowie etwa 80 junge Volljährige. Dabei sei eine enge Abstimmung mit Schulen, Beratungsstellen und diversen Trägern essenziell.
Einen „Standardfall“ gibt es nicht. Jeder Fall sei individuell. Das ist nicht nur für die betroffenen Kinder und Familien belastend. Besonders, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, könne dies auch die Beschäftigten belasten. Das Jugendamt wird in solchen Fällen oft als „familiäre Bedrohung“ wahrgenommen, „mit der die Aufgabenvielfalt und wertschätzende Arbeit der Beschäftigten ausgeklammert wird“. Ohne Motivation sei der Job für die Mitarbeiter kaum durchführbar. Doch es gäbe auch positive Aspekte: „Zufrieden macht, dass die eigene Arbeit dazu beiträgt, Positives zu bewegen.“ Im Jahr 2025 gab es 423 Meldungen zu möglicher Kindeswohlgefährdung im Landkreis. 67 Kinder und Jugendliche mussten in dem Jahr vom Rotenburger Jugendamt in Obhut genommen werden – im Jahr davor waren es 55. „Die sich ändernden Lebensverhältnisse haben Einfluss auf die gesamte Gesellschaft und die bestehenden Systeme und wirken sich entsprechend auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus“, erklärt das Jugendamt die steigenden Zahlen. Im Jugendhilfeausschuss betonte Helle, dass diese Zahl „an schwierigen Kindern“ nicht gänzlich erklärbar sei.
Verunsicherung und Zukunftsängste der Jugendlichen, abnehmende Erziehungskompetenzen der Eltern, wichtige Systeme, die nicht ausreichend Unterstützung bieten können – die Gründe für notwendige Kinder- und Jugendhilfe seien vielfältig. „Bildung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben aber Auswirkungen auf die nächste Generation“, unterstreichen die Zuständigen. Um dieser Entwicklung etwas entgegenzuwirken, hat das Jugendamt das Jugendhilferahmenkonzept erarbeitet und setzt dieses nach eigenen Angaben laufend um.
„Medial berichtet wird unter dem Stichwort ,Jugendamt‘ zumeist leider nur, wenn es um menschliche Betroffenheit im Einzelfall geht, etwa bei Kindeswohlgefährdung“, kritisiert das Amt, das aus zeitlichen Gründen nicht für ein persönliches Gespräch mit der Kreiszeitung bereitstand, und erinnert daran, dass Kinderschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. „Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Teilen der Fachlichkeit besteht eine Diskrepanz zwischen der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme und zur Verantwortungszuschreibung. Die Mehrheit meint zu wissen, wann und was ein Jugendamt zu tun hat.“ Um diesem Bild entgegenzuwirken, möchte der Landkreis die wichtige Arbeit des Jugendamtes in allen Facetten den Bürgern näherbringen.