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Gesundheit

„Den Tagen mehr Leben geben“: Wie Hospizbegleiter Menschen bis zuletzt zur Seite stehen

Carolin Eberth
09/10/2026 07:01:00

Welthospiztag

Karin Ruch ist Diplompsychologin, Mitgründerin und eine von drei hauptamtlichen Koordinatorinnen des Regionalen Hospizvereins Rotenburg. Seit 1998 engagiert sie sich dafür, schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen zu begleiten.

Der Regionale Hospizverein Rotenburg begleitet derzeit rund 25 schwerkranke Menschen. Am Samstag öffnet er zum Welthospiztag in Bebra seine Arbeit für die Öffentlichkeit.

Rotenburg/Bebra – Ein Vater liegt im Sterben. Seine Familie weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt – und wendet sich an den Rotenburger Hospizverein. Die Angehörigen erzählen, ihr Vater wolle mit ihnen nicht über seinen bevorstehenden Tod sprechen. Doch als Karin Ruch mit dem Mann allein ins Gespräch kommt, erlebt sie das genaue Gegenteil. Er sagt ihr, dass er sterben müsse – aber niemand mit ihm darüber rede. Für Ruch zeigt diese Begegnung noch Jahre später, wie schwer es selbst Menschen, die sich sehr nahestehen, fallen kann, über das Lebensende zu sprechen.

Genau hier setzt die Arbeit des Regionalen Hospizvereins Rotenburg an. „Es geht darum, den Tagen mehr Leben zu geben und nicht dem Leben mehr Tage“, sagt Ruch. Die 60-jährige Diplompsychologin aus Schenklengsfeld hat den Verein 1998 mitgegründet und ist heute eine von drei hauptamtlichen Koordinatorinnen, die die Arbeit von rund 70 Ehrenamtlichen im Kreisteil Rotenburg organisiert.

Anlässlich des Welthospiztags am Samstag, 10. Oktober, möchte der Verein auf eine Arbeit aufmerksam machen, die oft erst dann in den Blick gerät, wenn eine schwere Krankheit weit fortgeschritten ist. Dabei, sagt Ruch, könne der Kontakt auch früher aufgenommen werden. Manche Menschen hätten das Gefühl, sie holten sich mit einem Anruf beim Hospizverein den Tod ins Haus. „Aber so ist es natürlich nicht.“

Der gemeinnützige Verein hat seinen Sitz im Evangelischen Kreiskrankenhaus in Rotenburg, arbeitet jedoch unabhängig vom Krankenhaus und vom stationären Hospiz. Auch die Aufgaben unterscheiden sich: Die Ehrenamtlichen pflegen nicht, verabreichen keine Medikamente und übernehmen keine medizinische Versorgung. Ihre Aufgabe ist die psychosoziale Begleitung. Sie hören zu, führen Gespräche, begleiten zum Einkaufen oder zum Friseur – oder sind einfach da. Für die Betroffenen entstehen keine Kosten, denn die Arbeit des Vereins wird unter anderem von Krankenkassen bezuschusst.

Derzeit begleitet der Verein rund 25 schwerkranke Menschen. Manche Einsätze dauern nur einen Tag, andere mehrere Jahre. Die Ehrenamtlichen besuchen Menschen zu Hause, im Pflegeheim oder auch im Hospiz. Häufig geht es um ältere Menschen, die keine Angehörigen haben oder deren Familie weit entfernt lebt. Aber auch jüngere Schwerkranke werden begleitet. Zu den Erkrankungen, mit denen die Helfer häufig konfrontiert sind, gehören laut Ruch Krebs, Parkinson, COPD oder ALS.

Bevor eine Begleitung beginnt, besucht Ruch den Betroffenen zunächst selbst. Sie lernt den Menschen kennen, hört, was er sich wünscht, und überlegt anschließend, welcher Ehrenamtliche passen könnte. Beim ersten gemeinsamen Treffen ist sie ebenfalls dabei. Denn nicht jeder Mensch brauche dasselbe. Der eine wolle reden, der andere etwas unternehmen, ein weiterer wünsche sich vor allem Gesellschaft.

Gerade Gespräche mit Außenstehenden könnten für Sterbende eine besondere Bedeutung haben. Mit einem Hospizbegleiter lasse sich manches aussprechen, womit Angehörige aus Angst oder eigener Überforderung nur schwer umgehen könnten. Dabei geht es um Sorgen um die Familie, alte Konflikte oder Erlebnisse, die Menschen bis an ihr Lebensende beschäftigen. Bei älteren Generationen seien das etwa Krieg und Flucht. Menschen um die 60 beschäftige dagegen häufig die Frage, was sie aus ihrem Leben gemacht hätten. „Die Anerkennung der Endlichkeit nimmt dann oft auch Angst“, sagt Ruch.

Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf den Kranken. Angehörige würden häufig gefragt, wie es dem Betroffenen gehe – aber viel seltener, wie es ihnen selbst gehe. Auch sie können Unterstützung erhalten. Nach dem Tod eines Angehörigen bietet der Verein zudem Trauerbegleitung an. Für alle Ehrenamtlichen gilt Schweigepflicht.

Wer selbst Sterbebegleitungen übernehmen möchte, wird intensiv vorbereitet. Jedes Jahr beginnt im September ein rund 100-stündiger Kurs, der bis Juni dauert. Themen sind unter anderem Kommunikation, Sterbe- und Trauerphasen, eigene Grenzen und der Umgang mit Abschied. Ruch leitet die Seminare selbst. Die Teilnahme ist kostenlos und verpflichtet anschließend nicht zur Mitarbeit.

Ohnehin besteht das Ehrenamt im Hospizverein längst nicht nur aus Sterbebegleitung. Einige Helfer organisieren monatlich einen besonderen Nachmittag im Hospiz – zuletzt etwa ein Oktoberfest. Andere kümmern sich beispielsweise um Veranstaltungen und die Internetseite.

Hospizbegleiter am Samstag im Interview

Wie vielfältig diese Arbeit sein kann, soll auch die Veranstaltung zum Welthospiztag zeigen. Unter dem Titel „Geschichten vom guten Ende – so bunt wie das Leben“ kommen am Samstag um 11 Uhr in der Hoehlschen Buchhandlung in Bebra Hospizbegleiter mit Silke Schäfer-Marg ins Gespräch. Insgesamt sind vier Interviews vorgesehen, anschließend gibt es Musik mit Pfarrer Christoph Brunhorn. Die Veranstaltung dauert rund zwei Stunden, der Eintritt ist frei.

Für Ruch ist die Arbeit nach fast drei Jahrzehnten noch immer etwas Besonderes. Sie habe ihr in all den Jahren viel abverlangt, ihr aber ebenso viel zurückgegeben. Denn wer sich täglich mit der Endlichkeit beschäftige, lerne auch, das Leben im Moment bewusster wahrzunehmen.
(Von Carolin Eberth)

Artikel von Hessische/Niedersächsische Allgemeine