Doch kein Ozean?
Eine subtile Zeitverzögerung in der Gezeitenverformung des Saturnmondes Titan enthüllt sein wahres Inneres – und widerlegt eine 17 Jahre alte Annahme über den großen Mond.
Washington D.C. – Seit 2008 galt es als ausgemacht: Unter der eisigen Kruste von Titan, dem größten Saturnmond, verbirgt sich ein gewaltiger Ozean aus flüssigem Wasser. Doch eine neue Analyse eines NASA-Forschungsteams stellt diese Annahme nun auf den Kopf. Statt eines globalen Ozeans fanden sie wahrscheinlich etwas ganz anderes – Schichten aus Eisschlamm mit isolierten Wassertaschen. Das Überraschende: Die Chancen auf Leben könnten dadurch sogar steigen.
Den entscheidenden Hinweis lieferte eine subtile Zeitverzögerung. Titan umkreist Saturn auf einer elliptischen Bahn und wird dabei von der Gravitationskraft des Planeten regelrecht durchgeknetet – die Oberfläche hebt und senkt sich dabei um mehrere Meter. Doch diese Verformung erfolgt nicht sofort: Sie hinkt dem Gravitationshöhepunkt um etwa 15 Stunden hinterher.
Saturn-Mond Titan hat womöglich doch keinen globalen Ozean in seinem Inneren
„Niemand erwartete eine so starke Energiedissipation im Inneren von Titan. Das war der entscheidende Hinweis, dass Titans Inneres anders ist als bisher angenommen“, erklärt Flavio Petricca vom Jet Propulsion Laboratory der NASA, der die Studie leitete. Die Verzögerung zeigt: Das Innere des Mondes ist zähflüssig wie Honig, nicht dünnflüssig wie Wasser. Ein globaler Ozean hätte viel weniger Energie geschluckt.
Das neue Modell, das in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, zeichnet ein völlig anderes Bild von Titans Innerem: Unter der festen Eiskruste folgen Schichten aus Schlamm und Hochdruck-Eis, durchsetzt von Taschen flüssigen Wassers. „Statt eines offenen Ozeans wie auf der Erde sehen wir wahrscheinlich etwas, das eher arktischem Meereis oder Grundwasserleitern ähnelt“, sagt Baptiste Journaux von der University of Washington.
„Physik des Wassers verändert sich“
Die extremen Druckverhältnisse in Titans Tiefe verändern die Physik des Wassers grundlegend. „Die Wasserschicht auf Titan ist so dick, der Druck so immens, dass sich die Physik des Wassers verändert. Wasser und Eis verhalten sich anders als Meerwasser hier auf der Erde“, erklärt Journaux. In seinem Labor an der University of Washington simuliert er extraterrestrische Umgebungen, um zu verstehen, wie Wasser unter solchen Bedingungen reagiert.
Ausgerechnet das Fehlen eines globalen Ozeans könnte die Suche nach Leben auf Titan interessanter machen. Die Analysen zeigen, dass die Wassertaschen Temperaturen von bis zu 20 Grad Celsius erreichen könnten. „Obwohl Titan möglicherweise keinen globalen Ozean besitzt, schließt das sein Potenzial für einfache Lebensformen nicht aus – vorausgesetzt, Leben könnte auf Titan entstehen. Tatsächlich macht es Titan meiner Meinung nach interessanter“, betont Petricca.
Unter der Titan-Oberfläche sollte es Taschen flüssigen Wassers geben
Der Grund: In kleineren Wasservolumina wären verfügbare Nährstoffe konzentrierter als in einem riesigen Ozean. „Unsere Analyse zeigt, dass es Taschen flüssigen Wassers geben sollte, die Nährstoffe vom felsigen Kern des Mondes durch schlammige Schichten aus Hochdruck-Eis zur festen Eiskruste an der Oberfläche transportieren“, erklärt Petricca. Sollte Leben auf Titan existieren, würde es wahrscheinlich polaren Ökosystemen auf der Erde ähneln.
Nicht alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind von den neuen Ergebnissen überzeugt. Luciano Iess von der Sapienza-Universität Rom, dessen frühere Studien auf einen verborgenen Ozean hindeuteten, hält die Beweise gegenüber AP nicht für ausreichend: „Sicherlich faszinierend und wird erneute Diskussionen anregen … aber gegenwärtig scheinen die verfügbaren Beweise nicht ausreichend, um Titan aus der Familie der Ozeanwelten auszuschließen“, meint Iess.
NASA-Mission Dragonfly soll den Titan erkunden
Klarheit könnte die geplante Dragonfly-Mission der NASA bringen, die 2028 zum Titan starten soll. Die helikopterähnliche Sonde wird verschiedene Orte auf Titan anfliegen und die Geologie des Mondes untersuchen. Journaux ist Teil des Dragonfly-Teams und hofft, endgültige Antworten über den Ozean und mögliche Lebenszeichen zu finden.
Die Forschenden betonen ausdrücklich: Bisher wurden auf dem Titan keine Lebenszeichen gefunden. Doch mit den neuen Erkenntnissen über eine matschige, fast schmelzende Umgebung „gibt es starke Rechtfertigung für anhaltenden Optimismus bezüglich des Potenzials für außerirdisches Leben“, so Journaux. (Quellen: Pressemitteilung, NASA-Mitteilung, eigene Recherche) (tab)
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