Lesekreis in Hochstadt
Annett Loos lädt im „Cafair“ in Hochstadt zum offenen Austausch über Bücher ein. Die Gruppe wählt das erste Buch gemeinsam aus – auch Autorenlesungen sind geplant.
Maintal – Ein Buch lässt sich allein auf dem Sofa lesen. Doch was denkt jemand anderes über die Hauptfigur? Warum hat eine Geschichte berührt, irritiert oder zum Widerspruch gereizt? Solchen Fragen möchte Annett Loos künftig gemeinsam mit anderen Leserinnen und Lesern nachgehen. Die Hochstädterin gründet einen offenen Lesekreis, der am Mittwoch, 28. Oktober, um 17.30 Uhr im Cafair erstmals zusammenkommt. Ihr Wunsch: Menschen wieder stärker fürs Lesen zu begeistern und ihnen Gelegenheit zu geben, über Bücher miteinander ins Gespräch zu kommen.
Lesen ist für mich eine extrem sinnstiftende Tätigkeit.
Annett Loos, Gründerin offener Lesekreis Hochstadt
„Lesen ist für mich eine extrem sinnstiftende Tätigkeit“, sagt Loos. Sie selbst liest viel, häufig drei bis sechs Bücher parallel. Dazu kommen Manuskripte, die sie beruflich durcharbeitet. Für das Fernsehen bleibt nach eigener Aussage wenig Zeit. Besonders gern greift sie zu Fachbüchern und Biografien, doch auf ein bestimmtes Genre festlegen möchte sie sich nicht. Die Idee für den Lesekreis beschäftigte sie bereits im Frühjahr. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen ihre Leseeindrücke teilen und neue Bücher entdecken können. Denn wer eine Geschichte gelesen hat, bringt immer auch eigene Erfahrungen und Vorstellungen mit.
Was hat andere an einem Buch angesprochen? Welche Figur sehen sie ganz anders als man selbst? Und welche Gedanken bleiben nach der Lektüre zurück? Im Bücherkreis soll es ausdrücklich nicht um literaturwissenschaftliche Fachsimpelei oder die vermeintlich einzig richtige Interpretation gehen. Auch wer nur gelegentlich liest oder nach längerer Pause wieder zu Büchern greifen möchte, ist willkommen. „Mich interessiert der geistige Austausch. Es geht um die Freude am Lesen und darum, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen“, beschreibt Loos ihr Konzept.
Wie der Lesekreis aussehen wird, sollen die Teilnehmer von Anfang an mitbestimmen. Zum Auftakt können sie eigene Buchvorschläge mitbringen und erzählen, welche Themen und Genres sie interessieren. Gemeinsam wählt die Gruppe anschließend das erste Buch aus. Nach einer Lesephase folgt am 25. November das erste Buchgespräch. Bei den weiteren Treffen wird über die gelesene Literatur gesprochen und das nächste Werk ausgewählt. Ob Roman, Krimi, Sachbuch oder Klassiker: Loos möchte sich nicht auf eine Richtung festlegen. Unterschiedliche Geschmäcker seien schließlich kein Hindernis, sondern könnten die Gespräche bereichern. Auch Begegnungen mit Autorinnen und Autoren sind geplant. Sie sollen bei ausgewählten Treffen ihre Bücher vorstellen, daraus lesen und Fragen beantworten. Welches Werk die Gruppe gemeinsam liest, entscheidet sie weiterhin selbst.
Eigenen Verlag gegründet
Dass Loos Bücher nicht nur liest, sondern auch beruflich mit ihnen zu tun hat, gehört zu ihrer Geschichte. 2015 gründete sie in Dresden den Renidere Verlag, zunächst mit eigenen Kochbüchern. Später kamen weitere Autoren und Titel hinzu, darunter Kinderbücher, Sachbücher und Biografien. Seit 2019 lebt sie mit ihrer Familie in Hochstadt. Der Lesekreis ist für sie nun eine Möglichkeit, ihre Begeisterung für Literatur auch vor Ort mit anderen zu teilen. Was macht für sie den Reiz des gedruckten Buches aus, gerade in einer Zeit, in der sich Geschichten ebenso auf dem E-Reader lesen oder als Hörbuch erleben lassen? Loos verweist auf die sinnliche Seite des Lesens: das Cover, den Geruch des Papiers, das Material und das Umblättern der Seiten. Ein gedrucktes Buch sei eben auch ein Gegenstand, den man in die Hand nehme und mit dem man sich auf eigene Weise beschäftige.
Ihre Begeisterung für Bücher gibt Loos auch an junge Menschen weiter. Sie engagiert sich in der Nachmittagsbetreuung der Albert-Einstein-Schule und arbeitet dort mit Fünft- und Sechstklässlern. Auch eine neunte Klasse gewinnt sie fürs Lesen: Mit sogenannten Lesescouts sollen Jugendliche selbst Lust auf Bücher entwickeln und diese Begeisterung weitertragen. Eine weitere Idee hat sie bereits im Blick: Die Schüler könnten eigene Geschichten und Kurztexte schreiben, die später gemeinsam als Buch erscheinen. Beim Lesekreis in Hochstadt geht es zunächst um den Austausch unter Erwachsenen. Wer nicht persönlich ins Cafair kommen kann, soll die Buchgespräche auch digital über die Social-Media-Kanäle des Renidere Verlags verfolgen und sich beteiligen können. Für Loos zählt vor allem, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen – unabhängig davon, wie viele Bücher sie im Jahr lesen.