„Tun uns schwer“
Deutsche Grundschüler haben Probleme in unterschiedlichen Bereichen. Eine Schulexpertin erklärt, was Deutschland besser machen sollte.
Berlin – Grundschulen bilden einen wichtigen Baustein für den weiteren Lebenslauf vieler Kinder. Sie lernen das Schulsystem und den sozialen Aspekt des Klassenverbands kennen, erwerben grundlegende Fähigkeiten, und hier entscheidet sich in der vierten Klasse auch, auf welche weiterführenden Schulen sie kommen. Viele Lehrkräfte beobachten allerdings mit Sorge, dass es in Grundschulen zu Problemen kommt. Die Kinder bringen oftmals weniger Alltagsfähigkeiten mit als früher, zudem haben einige Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Auch um die Lesekompetenz steht es derzeit nicht gut. Ein Viertel der Viertklässler verfügt nicht über ausreichende Fähigkeiten in diesem Bereich, zeigen Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung 2021 (IGLU).
Wie können deutsche Grundschulen es schaffen, Kindern die Förderung zuteil werden zu lassen, die sie offenbar benötigen? „Die Vorstellung, Kinder kämen mit gleichen Voraussetzungen in die Schule, stimmt nicht“, sagt Nele McElvany der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Sie ist Geschäftsführende Direktorin am Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. „Ziel ist, vor der Grundschule anzusetzen, um Chancengleichheit zu erhöhen.“ Etwa in der Vorschule: Dort gehe es nicht um einen Zwang zum Lernen, sondern um spielerisches Fördern und faire Startbedingungen.
Professorin: Früher fördern ist günstiger
McElvany hatte bei der IGLU-Veröffentlichung 2021 die Wissenschaftliche Leitung inne. In Deutschland nahmen an der Haupterhebung im Frühjahr 2021 4.611 Viertklässler:innen an 252 Grund- und Förderschulen in allen 16 Bundesländern teil. Die Untersuchung zeige die Relevanz standardisierter Diagnostik: „Andere Länder nutzen sie schon länger systematisch, verbunden mit verbindlicher Förderung – in Deutschland wird sie erst langsam eingeführt.“ Ein positives Beispiel sei Hamburg, wo es seit Jahren Vorstellungsverfahren für Viereinhalbjährige gibt: „Alle Kinder werden getestet, und wer nicht genügend Sprachkompetenz hat, besucht verpflichtend ein Jahr die Vorschule.“ In den Vorschulklassen wird gespielt und gelernt, weitere Sprachförderung findet bei Bedarf statt.
„Frühzeitige Förderung ist günstiger als spätere Einzelförderung“, betont die Expertin. Diese sei nur in wenigen Fällen nötig. Prävention spare Kosten und verbessere langfristig Bildungschancen. Auch im Bereich Lesen und Sprechen. „Beim Thema Sprachförderung tun wir uns schwer, zu akzeptieren, dass nicht alle Kinder automatisch Deutsch können und es Aufgabe unseres Schulsystems ist, ihnen ausreichende deutsche Sprachkompetenzen zu vermitteln.“ Hier helfe eine internationale Perspektive, denn in Kalifornien gebe es ein erfolgreiches Konzept.
Englisch sei dort Schulsprache, viele Kinder würden zu Hause jedoch andere Sprachen sprechen. Um diesen Kindern Sprachkompetenz zu vermitteln, gibt es standardisierte Tests. Die Schülerinnen und Schüler würden dann Förderung nach ihrem Niveau erhalten, und würden weiterhin verpflichtend und regelmäßig getestet, bis sie ausreichend kompetent sind. „Ein solches System wäre auch hier sinnvoll – mit regelmäßigen Tests und klaren Einordnungen.“
Soziale Kompetenzen lassen sich „gut im Ganztag fördern“
Laut der Bildungsexpertin sind auch Ganztagsschulen für die Förderung der Schüler eine sinnvolle Lösung. In anderen Ländern wie Frankreich oder Skandinavien wird dies bereits länger umgesetzt. Ab August gibt es in Deutschland das Ganztagsförderungsgesetz, das einen Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschulkinder sichert. Dies sei „grundsätzlich positiv, weil Kinder vielfältiger gefördert werden können“, sagt McElvany. Gleichzeitig sei entscheidend, wie diese Zeit genutzt werde. Verbesserte Leistungen entstünden nur mit bildungsorientierten Angeboten und qualifiziertem Personal, nicht allein längere Betreuung.
Neben Lesen, Schreiben und Rechnen steht für viele Lehrkräfte inzwischen auch der Umgang der Schülerschaft miteinander im Vordergrund. „Kinder müssen lernen, sich in Gruppen einzufügen, zuzuhören und Regeln einzuhalten. Lehrkräfte berichten, dass dies zunehmend schwierig wird“, sagt die Professorin. Auch hier sei die Umstellung auf Ganztagsschule hilfreich, denn Selbstregulation und soziale Kompetenzen „lassen sich auch gut im Ganztag fördern.“ (Quelle: IGLU 2021, eigene Recherche)