„Entwicklung leidet“
Viele Eltern greifen zu einem beliebten Hilfsmittel, um ihre Kinder zu beruhigen. Eine Ärztin warnt vor den Folgen für die Entwicklung.
Berlin – „Spielen mit Schnuller, Krabbeln mit Schnuller und Laufradfahren mit Schnuller“ – so beschreibt eine Doula und Stillberaterin auf Instagram den Alltag vieler Kleinkinder. Diese ständige Verfügbarkeit sei „nicht natürlich“ und „nicht so vorgesehen“, da dies beim Stillen auch nicht gegeben sei. „Ein Kind kann nicht gleichzeitig Laufradfahren und gestillt werden.“ Manche Entwicklungsschritte, etwa in der Motorik oder Sprachbildung, bräuchten Phasen ohne Saugen – andernfalls könne es langfristig zu Problemen kommen.
Unter dem Beitrag schreiben viele Eltern, wie schwer es sei, beim Einsatz konsequent zu bleiben. Man verliere schnell aus den Augen, wofür man den Schnuller ursprünglich einsetzen wollte, schreibt eine Person: „Aus ‚nur im Auto‘ und ‚nur zum Schlafen‘ wird dann doch schnell mal mehr.“ Andere lehnen den Schnuller komplett ab: „Meine Töchter haben keinen und bekommen auch keinen.“ Eine weitere Nutzerin kritisiert den häufigen Gebrauch, den sie bei Kleinkindern beobachte: „Ich kriege jedes Mal die Krise.“
Kinderärztin warnt: Gesamte Motorik wird beeinträchtigt
Wie sollten Eltern einen Schnuller bei ihren Babys einsetzen – oder ist grundsätzlich davon abzuraten? „Ein Schnuller ist wie ein Medikament – er braucht eine Indikation, Dosierung, Dauer des Einsatzes und das Wissen um Nebenwirkungen“, sagt Gudrun von der Ohe, Ärztin sowie Still- und Laktationsberaterin, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Entscheidend sei der Zeitpunkt, an dem Eltern den Schnuller einführen. Bei gesunden Kindern sollte in den ersten vier bis sechs Wochen darauf verzichtet werden, „damit sich die Milchbildung gut etablieren kann und das Kind ein korrektes Saugverhalten erlernt“. Bei nicht gestillten Säuglingen werde empfohlen, den Schnuller dosiert einzusetzen.
„Mit einem Schnuller verändert sich die gesamte Motorik“, sagt von der Ohe. Ist der Mund geschlossen, bilde sich normalerweise ein kleines Vakuum und die Zunge liege am Übergang zwischen Schneidezähnen und Gaumen – das gebe Stabilität. Beim Schnuller bliebe der Mund immer leicht geöffnet und die Zunge liege tiefer. „Dadurch nimmt die Körperspannung ab. Je länger und je häufiger ein Schnuller genutzt wird, desto problematischer wird es“, warnt die Ärztin. Wenn das Gleichgewicht der Gesichtsmuskulatur über längere Zeit gestört werde, könne das Auswirkungen auf die Kiefer- und Zahnstellung haben.
Eltern sollten deshalb auf die Form achten: Das Saugteil sollte aus weichem, flexiblem Material bestehen. Wichtig sei, dass der Übergang von der Schnullerplatte zum Lutschteil nicht zu breit ist, damit der Mund nicht dauerhaft offen bleibt. Ideal seien flache, symmetrische Formen – sie lassen der Zunge genug Raum. Wenn vermehrt durch den Mund geatmet werde, gelangten auch mehr Keime in den Rachenraum – „das kann langfristig zu häufigeren Mittelohrentzündungen führen“.
Die Entwicklung leidet bei dauerhaftem Schnuller-Einsatz
Auch die „Entwicklung leidet“, wenn der Schnuller dauerhaft im Mund sei. „Die Sprachentwicklung kann beeinträchtigt werden, weil Kinder mit Schnuller im Mund schlechter oder falsch sprechen.“ Wenn der Schnuller immer verfügbar sei, etwa mit einer Schnullerkette, werde er auch übermäßig genutzt. „Die Verfügbarkeit gibt es in der Natur nicht. Schnullerketten sollte man also meiden.“
Wenn Kinder ständig einen Schnuller nutzten, spreche das nicht für ein echtes Saugbedürfnis, erklärt die Ärztin. Oft seien sie gelangweilt oder suchten Nähe. „Dieses Bedürfnis wird dann mit dem Schnuller beantwortet.“ Dabei wollten Kinder oft lieber Interaktion und keine Ersatzbeschäftigung durchs Saugen. Ihr Rat: „Ein Schnuller muss nicht mitwachsen. Er soll mit liebevollem Grenzensetzen abgewöhnt werden.“ (Quellen: Instagram, eigene Recherche)