Sprachentwicklung
Bereits vor der Kita kann sich der Verlauf des Bildungswegs eines Kindes vorzeichnen. Eine Expertin erklärt den Einfluss des Matthäus-Effekts.
Frankfurt – Immer mehr Kinder haben Sprachprobleme. In Deutschland wächst laut einer Metaanalyse der KKH Kaufmännischen Krankenkasse aus dem Juni 2025 etwa jedes sechste Kind im Alter von sechs bis zehn Jahren mit einer Sprachentwicklungsstörung auf. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von genetischen Faktoren und Hörproblemen bis zu mangelnder sprachlicher Einbindung im Alltag. Sich um die Sprachprobleme von Kindern erst in der Grundschule zu kümmern, ist zu spät. Das kann Fachleuten zufolge einen Stein ins Rollen bringen, der Mädchen und Jungen einen erfolgreichen Bildungsweg kostet.
Wortschatz bei Kindern kann über Erfolg in der Schule entscheiden
„Jedes Wort zählt. Und für manche Kinder entscheidet es über ihre Zukunft“, schreibt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Schweizer Universität Fribourg, in einem Beitrag auf Linkedin. Bei der Frankfurter Rundschau von Ippen. Media macht deutlich, wie früh das Problem beginnt: „Noch bevor ein Kind einen Kindergarten von innen sieht, hat sich oft bereits entschieden, wie leicht oder schwer sein Bildungsweg verlaufen wird.“ Der Wortschatz eines Kleinkindes sei ein entscheidender Faktor für die Startchancengleichheit im Bildungssystem – wer das ernst nehme, dürfe nicht erst im Klassenzimmer ansetzen.
Ein größerer Wortschatz hilft Kindern schon im Vorschulalter beim Erlernen neuer Wörter und Verstehen komplexer Zusammenhänge. Stamm spricht von einem „klaren Vorteil“ schon beim Start in den Kindergarten. Wie eine Studie der Pennsylvania State University zeigt, sind ein großes Vokabular und dessen Anwendung bei Kleinkindern entscheidende Wegbereiter für den späteren Erfolg in der Schule. Während ein reicher Wortschatz vor allem Leistungen in Mathe und Lesen begünstigt, stärkt die praktische Anwendung der Sprache gezielt die Konzentrationsfähigkeit und Selbstregulierung der Kinder.
Matthäus-Effekt von der Kita bis zur Schule: Defizite in der Sprache können sich selbst verstärken
Der Vorteil eines ausgeprägten Wortschatzes endet nicht mit dem Start in die Kita. Er kann sich durch die gesamte Schullaufbahn ziehen und dabei immer weiter selbst verstärken. In der Wissenschaft spricht man hier vom sogenannten Matthäus-Effekt: Während sich vorhandene Vorteile immer weiter verstärken, wachsen auch die Nachteile mit der Zeit. „Im Bereich Sprache bedeutet das: Kinder mit großem Wortschatz lernen schneller und verbessern sich immer mehr. Kinder mit kleinem Wortschatz haben es schwerer und fallen weiter zurück“, erklärt Stamm. Frühe Unterschiede in der Sprachfähigkeit öffnen eine Schere der Sprachentwicklung – und damit auch der Bildung.
Die ersten Unterschiede im Wortschatz zeigen sich laut Stamm bereits im Alter von drei Jahren. Sie bezieht sich dabei auf die neuesten Ergebnisse des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Die Daten zeichnen eine klare soziale Linie: Sie folgt dem Bildungshintergrund der Eltern. In Haushalten mit höherer Bildung werde mehr gesprochen, differenzierter formuliert und aktiver auf das Kind eingegangen. „Demgegenüber stehen sozial benachteiligte Familien. Hier ist sprachliche Interaktion oft knapper, weniger vielfältig und stärker funktional geprägt“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Das Resultat: ein geringerer Wortschatzumfang.
Sprachförderung muss zu Hause beginnen: Wie man Kinder zum Sprechen bringt
Laut der Bertelsmann Stiftung ist in mehr als 80 Prozent der Kitas aufgrund personeller Engpässe eine Sprachförderung nicht gesichert. Um nicht zurückzufallen, müsse die Förderung deshalb bereits zu Hause und vor der Kita beginnen, sagt Stamm: „Ohne Familie bleibt Sprachförderung oft punktuell. Mit der Familie wird sie zu einem festen Bestandteil des Alltags.“ Nur so könne man ein Kind langfristig unterstützen, auch über Förderprogramme hinaus. Wie das im Alltag konkret aussehen kann, weiß der frühere Lehrer Salman Ansari. Er arbeitete jahrelang in verschiedenen Kindertagesstätten, oft mit Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch war.
Sein Prinzip lautet: Kinder immer wieder aktiv zum Sprechen bringen, sie zum Beschreiben, Vergleichen und Nachdenken anregen. „Was denkst du? Was meinst du? Erzähl mir mal“: mit solchen einfachen Fragen entsteht Sprache im Dialog, erklärt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Entscheidend sei dabei, dass Wörter nicht nur abgefragt, sondern in konkreten Handlungen erlebt werden. Ob beim Sortieren von Eimern und Bällen, beim Vergleichen von Größen oder beim gemeinsamen Essen: „So lernen Kinder Sprache über Handlung“, sagt Ansari. Für Kinder könne dieses sprachliche Begleiten einen entscheidenden Unterschied machen. Für die eigene Zukunft – und die Bindung zu den Eltern. (Quelle: eigene Recherche, KKH, Pennsylvania State University, Linkedin)