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Bildung

Werden wir immer „dümmer“? Was ein sinkender IQ-Wert wirklich bedeutet

Andreas Apetz
20/04/2026 18:43:00

„Breite Fähigkeiten betrachtet“

Wir schwächeln bei PISA-Studien, der Intelligenzquotient sorgt für Unruhe. Doch was sagen solche Zahlen wirklich über Deutschland und seine Fähigkeiten aus?

Frankfurt – Deutschlands Schülerinnen und Schüler haben in internationalen Vergleichsstudien zuletzt schwächer abgeschnitten. Auch aus anderen Industrienationen wie Dänemark kommen Hinweise, dass Menschen in einzelnen Intelligenztests schlechter abschneiden als noch vor einigen Jahrzehnten. In den USA hat das bereits eine alarmistische Debatte ausgelöst: Aufgrund schlechter Leistungstestergebnisse gilt die Gen Z dort als erste Generation, die „dümmer“ ist als ihre Elterngeneration. Solche Befunde, werfen schnell die Frage auf: Werden wir immer dümmer?

Industrienationen wie Deutschland schneiden in Intelligenztests immer schlechter ab. (Smybolbild)

Was der IQ misst und was nicht

Intelligenztests erfassen grundlegende kognitive Fähigkeiten. Dazu gehören je nach Verfahren etwa Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis, logisches Denken oder visuelle Verarbeitung. Moritz Breit, Mitarbeiter der Abteilung mit Forschungsschwerpunkten im Bereich kognitive Fähigkeiten und Intelligenztestung an der Universität Trier: „Die Befundlage zu diesem Thema ist uneinheitlich. Allerdings sprechen mehrere Studien aus unterschiedlichen Ländern eher für Veränderungen in einzelnen Testbereichen als für einen pauschalen Rückgang der Intelligenz“, ordnet er die Ergebnisse bei der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media ein.

Zur Einordnung ist außerdem wichtig, was sich bei solchen Tests nicht angeschaut wird: „Was Intelligenztests nicht direkt messen – und auch nicht messen sollen – sind komplexe fach- oder alltagsbezogene Fertigkeiten wie das Schreiben eines guten Textes oder das Lösen einer Kurvendiskussion“, sagt Breit. Wer also aus schwächeren Leistungen in einzelnen Schulbereichen sofort ableitet, Deutschland werde insgesamt dümmer, greift zu kurz.

Der Intelligenzquotient (IQ) ist zudem kein absoluter Wert wie eine Länge auf dem Maßband. Er ist ein Vergleichswert innerhalb einer Bevölkerung. Deshalb werden Tests regelmäßig neu normiert. Der Durchschnitt liegt dabei immer bei 100. Wenn sich Fähigkeiten in der Bevölkerung verändern, müssen auch Normen und Aufgabenmaterial überprüft und an die neue Vergleichsgruppe angepasst werden. Für Breit gibt es hier einen Haken: Neunormierung sei wichtig, aber nicht ausreichend. Entscheidend sei, ob ein Test die angestrebten kognitiven Fähigkeiten weiterhin valide, zuverlässig und fair erfasse.

Was sagen sinkende IQ-Testergebnisse nun wirklich aus?

Über Jahrzehnte zeigte sich in vielen Ländern der sogenannte Flynn-Effekt: Menschen schnitten in Intelligenztests im Schnitt besser ab als frühere Generationen. Als mögliche Ursachen nennt Breit unter anderem bessere Ernährung, weniger Infektionskrankheiten in der Kindheit, mehr Bildung und eine komplexere Umwelt. Wahrscheinlich habe nicht ein einzelner Faktor gewirkt, sondern mehrere Veränderungen zusammen.

Inzwischen berichten einige Studien von stagnierenden oder sinkenden Werten. Daraus wird oft vorschnell der Schluss gezogen, dass Menschen heute generell dümmer würden. Jakob Pietschnig, Intelligenzforscher an der Universität Wien, widerspricht deutlich: „Die These, dass die Gen Z die erste Generation ist, die kognitiv schwächer ist als ihre Elterngeneration, kann ich ganz klipp und klar mit Nein beantworten. Dieser Alarmismus ist nicht gerechtfertigt“, sagte er der Frankfurter Rundschau.

Pietschnig warnt davor, aus einzelnen Trends einen pauschalen Niedergang abzuleiten. Die Forschung habe den Flynn-Effekt lange auf einer zu groben Ebene betrachtet. „Wir haben breite Fähigkeiten wie logisches Denken oder verbale Fähigkeiten betrachtet und nicht die spezifischen Einzelfähigkeiten darunter“, sagt er. Diese eng umschriebenen Fähigkeiten entwickelten sich nicht alle in dieselbe Richtung. Manche nähmen zu, andere ab. Von oben betrachtet sehe das dann schnell wie ein allgemeiner Rückgang aus, obwohl sich in Wahrheit eher Schwerpunkte verschieben.

Intelligenz verschiebt sich: Spezialist statt Generalist

Pietschnig beschreibt das mit dem Bild eines Zehnkämpfers. Wer sich extrem auf eine Disziplin konzentriert, wird dort besser, verliert aber in anderen Bereichen. „Ist er deshalb ein schlechterer Sportler? Nein. Er ist immer noch ein Spitzensportler, aber eben ein Spezialist und kein Generalist mehr“, sagt er. Genau so lasse sich auch ein Teil der aktuellen Entwicklung verstehen: Die moderne Welt fördere Spezialisierung. Das könne dazu führen, dass breit angelegte Testprofile anders ausfallen als früher.

Auch bei möglichen Ursachen wie Bildschirmzeit plädiert der Forscher für Nüchternheit. „Es gibt nicht nur ,gut‘ oder ,schlecht‘“, sagt Pietschnig. Entscheidend seien differenzielle Effekte. Fähigkeiten könnten sich verschieben, ohne dass daraus ein pauschaler Verlust werde. „Am Ende gilt immer: Die Dosis macht das Gift.“

Die Debatte um den sinkenden IQ zeigt deshalb vorwiegend eines: Ein paar rückläufige Werte reichen nicht aus, um ein ganzes Land für dumm zu erklären. Was sich zeigt, sind Veränderungen. Nicht zwingend ein Absturz der Intelligenz in Deutschland. (Quelle: eigene Recherche)

Artikel von Hallo München