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Automobilindustrie

Winterlicher Härtetest auf 910 Kilometern: So schlägt sich der Hyundai Ioniq 6 bei Kälte

Rudolf Bögel
04/02/2026 06:00:00

Nach dem Facelift

Hyundai hat den Ioniq 6 aufgefrischt. Mit größeren Akkus, einer besseren Reichweite und schnelleren Ladezeiten. Wie schlägt sich das E-Auto im Winter?

München – Das Motto für das Facelift des Ioniq 6 haben sich die Südkoreaner bei Olympia geliehen: „Länger, größer, weiter“ lautete die Devise. Und so streckt sich die elektrische Limousine nun um vier Zentimeter auf jetzt 4,93 Meter, die Akkus wachsen von 53 und 77,4 kWh auf jetzt 63 und 84 kWh. Und auch die Reichweite legt zu – auf jetzt 680 statt bislang 614 Kilometer. Da durften wir bei einer ungewöhnlichen Fahrvorstellung auch gleich die Probe aufs Exempel machen. Bei einem Roadtrip von Zagreb nach Krakau. Rund 900 Kilometer an einem Tag und an einem Stück.

Da fehlt doch was? Richtig den optisch umstrittenen zweiten Heckspoiler hat Hyundai beim Facelift entfernt, dafür den verbliebenen „Bürzel“ ein wenig verlängert.

Beim Aussehen hat das Facelift gewonnen: Ganz sanft und mit wenigen Mitteln haben die Designer aus dem hässlichen Entlein mit dem Doppelbürzel-Spoiler hinten jetzt nicht unbedingt einen stolzen Schwan gemacht, aber ein recht ansehnliches und elegantes Coupé. Dazu tragen die schmalen Pixel-Lichter an der Front bei, sie betonen die haiartige Schnauze des Ioniq 6. Neu ist auch die auf einen einzigen Spoiler zurechtgestutzte Aerodynamik am Heck. Trotzdem bleibt der Hyundai ein König der Lüfte. Der cw-Wert liegt nach wie vor bei 0,21. Das ist wichtig, weil eine windschlüpfrige Karosserie auf die Reichweite einzahlt. Und die schmilzt schnell dahin, vor allem im Winter.

Mit zwei Motoren von 0 auf 100 in 5,1 Sekunden

Unsere Fahrt führt von Kroatien über Slowenien, Ungarn, Österreich, die Slowakei und Tschechien nach Polen. Das Testobjekt: ein Ioniq 6 N Line. Er tritt in der Liga an, in der auch Mercedes CLA, Mazda 6e, der BMW i4 oder etwa das Tesla Model 3 spielen. Die N-Line ist die oberste Ausstattungsvariante mit dem großen 84 kWh Akku und zwei E-Motoren auf Front- und Hinterachse. Sie bringen 325 PS und ein Drehmoment von 605 Nm auf die Straße. Noch wichtiger als die Leistung (von 0 auf 100 in 5,1 Sekunden) ist uns der Allradantrieb. Denn die Straßen sind teilweise vereist, in der Hohen Tatra liegt eine geschlossene Schneedecke. Wir fahren ausnahmsweise zu Dritt, schließlich müssen wir Strecke machen und so ganz nebenbei bemerkt: Einer muss ja den Komfort auf den hinteren Rängen testen. Und der ist wirklich beachtlich. Behaglich sitzt man auf der bequemen Rücksitzbank und genießt die Stille. Auch nach 300 Kilometern meldet sich der Steiß nicht zu Wort – und wären wir nicht zum Fahren dagewesen, wir hätten es uns auch noch weitere 300 Kilometer dort hinten gemütlich gemacht.

Mit bis zu 200 kW konnten wir den Hyundai Ioniq 6 aufladen. Da wird so manche Kaffeepause ziemlich kurz. Im Idealfall schafft das Auto 260 kW.

200 kW an der Ladesäule, das ist ordentlich

Aber jetzt heißt es erstmal raus aus der Couch-Zone und ran an die Ladesäule. Denn statt mit 680 Kilometern Reichweite sind wir wegen der winterlichen Temperaturen rund um den Gefrierpunkt nämlich nur mit 370 gestartet. Und auch der prognostizierte Verbrauch von 15,9 kWh auf 100 Kilometern erwies sich als Utopie. Manche Kollegen schafften zwischen 22 und 23 kWh, bei uns standen am Ende 25,8 kWh auf dem 12,3 Zoll großen Digital-Tacho. Elektrische Zapfstellen zu finden, das entpuppte sich einfacher als gedacht. Der „wilde Osten“ ist von der Infrastruktur her kultivierter als manches Vorurteil suggeriert. Und so fanden wir auch Säulen mit richtig Power. Klugerweise hatten wir den Akku immer vorkonditioniert, damit konnten wir schneller laden und die Kollegen hinter uns lassen, die das Vorwärmen der Batterie vergessen hatten. Der Ioniq kann beim Stromtanken richtig Gas geben. Dank der 800-Volt-Architektur sind 260 kW drin, das sind 20 mehr als beim Vorgänger. Das haben wir nicht geschafft – aber mit den abgelesenen 200 kW waren wir auch schon zufrieden. Im Idealfall füllt sich der Akku in 18 Minuten von zehn auf 80 Prozent.

Am Cockpit selbst hat sich beim Facelift des Ioniq6 nichts geändert. Technisch aber schon, jetzt kann man endlich sein Smartphone kabellos verbinden.

Fensterheber in der Mittelkonsole – bitte ändern!

Weiter geht es, nach der Mittagspause und vollem Aufladen in Parndorf bei Wien. Ein kurzer Druck auf die Lautstärkewalze am Lenkrad, schon verstummt der Tempowarner. Den brauchen wir nicht, denn erstens gelten überall Tempolimits auf den Autobahnen und zweitens wollen wir ja sparsam unterwegs sein. Ob der Kollege auf dem Beifahrersitz das auch so sieht, der seinen Laptop gerade genussvoll an der 100 Watt-Steckdose auffüllt? Nun ja, so viel Saft zieht der Computer auch wieder nicht, beruhigen wir uns. Auch das Interieur wurde leicht überarbeitet. Neue Sitzbezüge und Türverkleidungen machen den Ioniq 6 wohnlich. Die Mittelkonsole ist jetzt mit Direktwahltasten für Sitzheizung und -kühlung ausgestattet und nicht mehr im Menü versteckt. Letzteres ist ein Segen so wie die endlich auch zeitgemäße kabellose Anbindung der Smartphones mit AppleCarPlay oder AndroidAuto. Und wenn sie jetzt auch noch die Fensterheber dort hingemacht hätten, wo sie hingehören, nämlich an die jeweilige Tür und nicht in die Mittelkonsole – unser Glück wäre perfekt.

Mit zwölf Prozent Reichweite am Ziel angekommen

„Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn, die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen grüner Rand!“ Genauso monoton wie der Liedtext der deutschen Elektromusik-Helden von Kraftwerk geht es über hunderte Kilometer. Alte finstere Grenzstationen, die noch den Odor des Ostblocks verströmen, haben ihren Schrecken verloren. Sie sind verwaist und leer. Noch einmal „tanken“ wir Strom und Kaffee. Und dann geht es unfreiwillig über die Hohe Tatra nach Krakau. Denn einmal falsch abgebogen und schon ist unsere Kalkulation geplatzt. Statt gemütlich über Kattowitz und die Autobahn zu fahren, müssen wir nun über das Gebirge abkürzen. Sonst hätte ein neuerlicher Tankstopp gedroht. Eco, runter vom Gas – aber immerhin die Heizung an, so schwingen wir uns von den verschneiten Höhen an die Weichsel. Mit einer Restreichweite von zwölf Prozent nach 910 zurückgelegten Kilometern erreichen wir unser Ziel.

Die Front des Hyundai Ioniq 6 wurde beim Facelift stark verändert. Die schmalen Pixellampen geben dem Auto einen haiartigen Charakter, findet unser Autor Rudolf Bögel.

Unser Fazit zum neuen Hyundai Ioniq 6

Ein paar kleinere Retuschen und ein Heckspoiler weniger – schon sieht das Facelift der Limousine schicker aus als der Vorgänger. Vielleicht nicht ganz so schön wie der Mazda 6e oder der Mercedes CLA, aber immerhin! Wer sich für die große Batterie entscheidet, braucht keine Reichweitenängste haben. Das hat unser Test auch unter den widrigen Winter-Bedingungen bewiesen. Oft reicht schon eine kleine Kaffeepause, schon hat man wieder ausreichend Saft für die Weiterfahrt. Günstiger geworden ist der Ioniq 6 freilich nicht. Im Gegenteil: Das Basismodell mit dem 63-kWh-Akku und Heckantrieb kostet jetzt ab 45.550 Euro. Die N Line (84 kWh, Allrad) startet bei 58.300 Euro. Rudolf Bögel

Artikel von ExtraTipp