Im Jahr 2022 unterzeichnete das australische Bergbau- und Energieunternehmen Fortescue einen Vertrag mit E.On, einem deutschen Energieversorger: Bis zu fünf Millionen Tonnen emissionsarmer grüner Wasserstoff sollte pro Jahr nach Europa geliefert werden. Als "grün" gilt Wasserstoff dann, wenn er durch erneuerbare Energien hergestellt wird.
"Der Wettlauf um die Großproduktion und den Transport von grünem Wasserstoff hat begonnen", sagte damals Robert Habeck, zu der Zeit Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. Dies sei der Beginn einer "Zukunft ohne fossile Brennstoffe", fügte er hinzu.
Wasserstoff kann Lastwagen oder Fernzügen antreiben, und er kann auch als Rohstoff für Chemikalien und Düngemittel dienen. Und er gilt als der Energieträger, der besonders energieintensive Industrien wie die Stahl- und Eisenproduktion weg von der klimaschädliche Kohlekraft führen kann. Kein Wunder also, dass viel Wirbel um Wasserstoff gemacht wurde.
Doch drei Jahre nach Vertragsschluss ist das deutsch-australische Wasserstoffabkommen gescheitert. E.On hat sich aus Investitionen in grüne Infrastruktur zurückgezogen und seine Importziele drastisch gekürzt. "Internationale Wasserstoffimporte, Wasserstoffproduktion und Midstream-Aktivitäten werden zurückgefahren", erklärte E.On-Sprecher Alexander Ihl auf Anfrage der DW.
Die EU fährt ihre Wasserstoff-Ambitionen zurück
Und das ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass der Wasserstoff-Hype von der Realität eingeholt wird. So hatte die Europäische Union geplant, bis 2030 jährlich zehn Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff zu produzieren und weitere zehn Millionen Tonnen zu importieren. Doch nach bisherigem Stand werden wohl nur 17 Prozent davon realisiert. Das erklärte Jun Sasamura, Wasserstoffmanager beim Energieforschungsunternehmen Westwood Global Energy, in einer Stellungnahme. "Die Kluft zwischen Ambitionen und Realität im europäischen Wasserstoffsektor wird immer größer", so Sasamura.
Und der Öl- und Gas-Riese British Petrol (BP) stornierte Ende Juli 2025 seine geplante 31 Milliarden Euro schwere Investition in ein Projekt für erneuerbare Energien und grünen Wasserstoff in Australien.
"Diese Entscheidung spiegelt die jüngste Neuausrichtung der Strategie von BP wider. Das Ziel ist das Upstream-Geschäft mit Öl und Gas auszubauen, das Downstream-Geschäft zu fokussieren und mit zunehmender Disziplin in die Energiewende zu investieren", erklärte ein BP-Sprecher in einer Stellungnahme.
Was ist beim grünen Wasserstoff schiefgelaufen?
Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum - ein farbloses, geruchloses und ungiftiges Gas, das aus einem einzigen Proton und einem einzigen Elektron besteht. Der Stoff ist hochentzündlich und enthält pro Kilogramm etwa 2,4-mal so viel Energie wie Erdgas.
Derzeit werden etwa 95 Prozent des Wasserstoffs für die Industrie aus fossilen Brennstoffen wie Steinkohle, Braunkohle und Erdgas hergestellt. Dann wird er als schwarzer, brauner oder grauer Wasserstoff bezeichnet.
Wird er mit erneuerbaren Energien hergestellt, wird er grüner Wasserstoff. Aber dabei gibt es einen Haken: Für die Herstellung von grünem Wasserstoff wird so viel erneuerbare Energie benötigt, dass eine Produktion in großem Maßstab sehr teuer ist.
"Den größten Teil der Kosten für grünen Wasserstoff machen die Stromkosten aus. Und obwohl diese Kosten stark gesunken sind, müssen sie noch viel weiter sinken, bevor Wasserstoff gegenüber anderen Brennstoffen wettbewerbsfähig ist", erklärt Alison Reeve, Leiterin der Abteilung Energie und Klimawandel bei der australischen Denkfabrik Grattan Institute.
Ein Teil des Problems sei die Abhängigkeit von staatlichen Subventionen und Förderungen für den Ausbau erneuerbarer Energien. Denn diese würden derzeit vielerorts zurückgefahren. Die Konkurrenz durch billigere Alternativen wie Erdgas drücke die Nachfrage zusätzlich.
Zu Beginn werde eine neue Branche immer auch durch "spekulative Projekte" vorangetrieben, so Reeve zur DW. Doch genau diese würden nun beim grünen Wasserstoff aufgegeben.
So zum Beispiel beim luxemburgischen Stahlkonzern ArcelorMittal. Weil die Kosten explodierten, gab das Unternehmen kürzlich seinen Plan auf, seine beiden Stahlwerke in Deutschland bis 2050 mit grünem Wasserstoff klimaneutral zu machen. Der Konzern zahlte sogar bereits erhaltene Subventionen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro zurück.
"Es steht außer Frage, dass die Skalierung von grünem Wasserstoff, insbesondere als Exportprodukt, echte Herausforderungen mit sich bringt", sagt Dino Otranto, Geschäftsführer von Fortescue Metals and Operations, der DW. Fortescue ist eines der weltweit führenden Unternehmen im Abbau von Eisenerz für die Stahlherstellung.
"Wir agieren in einem System mit begrenzter Infrastruktur, politischer Unsicherheit und einem regulatorischen Umfeld, das sich noch in der Entwicklung befindet", so Otranto. Solange nicht eine kostengünstige Strominfrastruktur investiert werde, "werden wir das volle Potenzial von Wasserstoff nicht ausschöpfen können."
Hat grüner Wasserstoff eine Zukunft?
Fortescue konzentriert sich beim Thema grüner Wasserstoff nun auf die Herstellung von Eisen und Ammoniak - einem Dünger, der aus der Mischung von Wasserstoff und Stickstoff entsteht.
"Grüner Wasserstoff bleibt der praktikabelste Weg, um Eisen in großem Maßstab nachhaltig herzustellen", erklärt Otranto. Er betont: Mit keiner anderen Technologie lasse sich dabei die dringend erforderliche Reduzierung von Treibhaugasen erreichen.
Aus Sicht von Alison Reeve wird grüner Wasserstoff jedoch vermutlich nur eine "Nische" in der Mischung von sauberen Energien einnehmen. Es gebe mittlerweile einige Fortschritte im Bereich der stromintensiven Industrien, etwa bei der Erzverhüttung. Statt den Strom dafür zunächst in Wasserstoff umzuwandeln, könne man ihn mittlerweile auch selbst im Prozess verwenden.
Und bei der Elektrifizierung des Fernverkehrs auf der Straße werden Batterien zu einer echten Option. Auch treibhausgasarme Kraftstoffe wie E-Methanol könnten künftig eine große Rolle spielen.
"Wasserstoff wird also nicht mehr der Energieträger sein, der alles überall und auf einmal kann", prognostiziert Reeve.
Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk