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Kultur

Schwergewicht in der Kunstwelt: Ibrahim Mahama aus Ghana

Cristina Burack
07/01/2026 08:32:00
Auf Platz eins der "Power 100"-Liste des britischen Kunstmagazins ArtReview: Ibrahim Mahama Angela Von Brill, Courtesy the Artist, APALAZZOGALLERY und White Cube

Es war ein grober Jutesack, der Ibrahim Mahama zu weltweitem Ruhm verhalf.

Im Jahr 2015, da war Mahama Ende 20 und schloss gerade seinen Doktor der Bildenden Künste in Ghana ab, wurde er ausgewählt, an einem der weltweit wichtigsten Kunstfestivals teilzunehmen: der Biennale in Venedig.

Seine Installation "Out of Bounds" kombinierte zusammengenähte Jutesäcke - hergestellt in Südostasien und verwendet für den Export ghanaischer Kakaobohnen in den Westen - mit geknoteten Seilen und Metallanhängern. Mahama schuf so ein riesiges Material-Patchwork, das er über einen langen mittelalterlichen Werftgang drapierte.

Ibrahim Mahamas Installation "Out of Bounds" auf der 56. Biennale in Venedig Haupt & Binder, Courtesy the Artist und APALAZZOGALLERY

Der beeindruckende Korridor, der Arbeit, Ausbeutung, koloniales Erbe und globalen Handel thematisierte, brachte Mahama internationale Anerkennung, eine prestigeträchtige Galerievertretung und im Laufe der Zeit finanziellen Erfolg. Den nutzt er, um die Kunstlandschaft in Ghana zu verändern.

Auf Platz eins der "Power 100"-Liste

Seine künstlerische Herangehensweise, Dinge zu verändern, machte ihn zu einem der bedeutendsten Künstler der Welt.

Anfang Dezember belegte Ibrahim Mahama den ersten Platz auf der "Power 100"-Liste des Magazins ArtReview, einer renommierten Rangliste der weltweit einflussreichsten Künstler. Er ist damit der erste Afrikaner, der diese Liste anführt.

Ibrahim Mahamas Installationen - wie diese hier in Bern (2025) - kommentieren den globalen Handel, Kolonialismus und Kapitalismus Anthony Anex/KEYSTONE/picture alliance

Mahama sagt, das Erreichen des Spitzenplatzes habe ihn "ziemlich demütig gemacht". Er sieht sich selbst und seine Leistungen als Teil von etwas Größerem, als Teil einer anhaltenden Bewegung von Künstlern, Künstlerinnen und Kuratoren aus dem Globalen Süden. Gemeinsam verlagern sie die Macht in der Kunstwelt weg vom Westen, wo sie lange Zeit konzentriert war.

"Ich sehe [die Rangliste] nicht so sehr in Bezug auf mich selbst, sondern als Zeugnis für die Arbeit, die viele der Kuratoren vor uns geleistet haben; all diese Kuratoren vom [afrikanischen] Kontinent und aus anderen Teilen der Welt, die so hart dafür gekämpft haben, die bestehenden Narrative über Kunst zu erweitern - darüber, was sie ist und sein kann", so Mahama gegenüber der DW.

Mahama verwendet auch Wachsdruckstoffe, die in Westafrika sehr beliebt sind. Basierend auf indonesischen Batikmustern wurden sie von Niederländern hergestellt - ein weiteres Symbol für den globalen Handel und Austausch Thomas Lannes, Courtesy the Artist und APALAZZOGALLERY

Eine große Familie und prägende Uni-Jahre

Gemeinschaft steht im Mittelpunkt von allem, was Mahama tut. Im Gespräch verwendet er fast immer das Pronomen "wir" statt "ich", um seine Arbeit und ihren Einfluss zu beschreiben.

Das habe mit seiner Kindheit zu tun, erklärt er. Mahama wurde 1987 in Tamale im Norden Ghanas in eine polygame Familie geboren; sein Vater hatte vier Frauen, zehn leibliche Kinder und viele nicht-leibliche Kinder. "Als ich aufwuchs, hatte ich immer neue Brüder und Schwestern", sagt er.

Seine große Familie vermittelte ihm die Bedeutung von Gleichheit und Umverteilung. "Es ist sehr wichtig für uns, Ressourcen verteilen zu können", sagte er über seine Kindheit in einer großen Familie, in der nie eine einzelne Person im Mittelpunkt stand.

Diese Installation aus dem Jahr 2024 in London umfasst mehr als 130 traditionelle, handbestickte ghanaische Gewänder, die Mahama gesammelt hat Alberto Pezzali/AP Photo/picture alliance

Als Kind zeichnete Mahama Comics und gestaltete Collagen. Von seinem Taschengeld kaufte er sich Malutensilien. "Ich habe mich schon immer für Dinge interessiert, die Menschen mit ihren Händen hergestellt haben", sagt er.

Seine Familie unterstützte sein künstlerisches Interesse und sein Kunststudium an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi. Die Zeit dort hat ihn und seine Arbeit maßgeblich geprägt.

"Alles, was ich tue, hat seinen Ursprung an der Universität", erklärt er. Dort fand er eine Gemeinschaft von Professoren und anderen Studierenden, die nicht nur daran interessiert waren, Kunst zu schaffen, sondern diese auch zu nutzen, um Systeme und Verhältnisse zu verändern. "Wir haben uns immer vorgestellt, dass die Zukunft der Welt eher auf dem Gedanken des Kollektivs basieren würde", sagt er rückblickend.

Alte Dinge mit vielen Erinnerungen

Von weggeworfenen Jutesäcken, abgenutzt und mit Fett verschmutzt, über ausrangierte Züge und Flugzeuge bis hin zu verlassenen Getreidesilos: Die Materialien und Räume, mit denen Mahama arbeitet, werden "ausgehandelt" - sie werden aufgrund ihres Wertes in Bezug auf Erinnerung und Bedeutung erworben.

Mahama arbeitete mit Wanderarbeitern aus ländlichen Gebieten Ghanas zusammen, um die hölzernen Schuhkartons und Materialien für "Non-Orientable Nkansa II" zu beschaffen Georgios Kefalas/KEYSTONE/dpa/picture alliance

"Sie mögen wie alte, zerschlissene Dinge erscheinen, die am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind. Aber wenn Dinge alt sind, verfügen sie über die größte Weisheit und sind sogar lebendiger als neue Dinge, weil sie so viele Erinnerungen angesammelt haben, dass man Wege finden kann, diese weiterzugeben", sagt Mahama.

Er arbeitet oft mit Arbeitern, Bauern, Handwerkern und Straßenverkäufern zusammen, um Gegenstände zu finden und umzugestalten, wie beispielsweise für sein Werk "Non-Orientable Nkansa II", eine hoch aufragende Wand aus "Schuhmacherkisten".

Die Installationen aus Sackleinen, die unter anderem in Deutschland, Italien, Nordmazedonien und Großbritannien ausgestellt wurden, erfordern den Einsatz mehrerer Teams, die die Säcke zusammennähen und den so entstandenen Stoff anschließend oft an großen Gebäuden und Strukturen befestigen.

Auf der documenta 14 in Athen 2017 nähten viele Menschen - als Teil einer Installation von Ibrahim Mahama - Holzkohle-Säcke zusammen Angelos Tzortzinis/dpa/picture alliance

Die nächsten Generationen in Ghana erreichen

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - seines internationalen Ruhmes ist Ibrahim Mahama fest in Ghana verwurzelt. Er arbeitet dort daran, die Art und Weise, wie Menschen mit Kunst umgehen und sogar die Bedeutung von Kunst selbst neu zu definieren.

Das Kapital, das er durch seinen künstlerischen Erfolg erworben hat, sei zu einer "Art neuem Material" geworden, erklärt er, "das auch einen neuen Diskurs hervorbringen kann", einen gemeinschaftlicheren.

Das ist es, was er mit den drei Kunstinstitutionen erreichen möchte, die er in seiner Geburtsstadt Tamale gegründet hat: dem Savannah Centre for Contemporary Arts (SCCA), einem von Künstlern betriebenen Ausstellungsraum; dem Red Clay Studio, einem offenen Atelier, und Nkrumah Volini, einer Institution für ein "archäologisches Gedächtnis". Alle Räume sind für die Öffentlichkeit zugänglich; jeder ist willkommen, hereinzukommen und Kunst zu erleben, auch wenn Mahama vielleicht besonders junge Menschen erreichen und beeinflussen möchte.

Im Red Clay Studio kann man zusehen, wie Kunst entsteht Ernest Sackitey, Courtesy Red Clay

Zusammen mit der Universität von Ghana arbeitet der Künstler derzeit daran, eine unabhängige Kunstschule in Tamale zu eröffnen, die mit seinen anderen Einrichtungen verbunden sein soll.

"Wir hoffen unter anderem, dass unsere Arbeit eine neue Generation hervorbringt, die ein anderes kulturelles Bewusstsein hat", sagt Mahama. Er wünscht sich, dass junge Menschen aufwachsen und die Erinnerungen sehen können, die in den Gegenständen und Räumen um sie herum enthalten sind - und daraus lernen, eine andere Zukunft zu gestalten. "Die Neugestaltung der Welt ist meiner Meinung nach das wichtigste Geschenk, das die Menschheit erhalten kann."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

Artikel von DW