1,35 lautet die Zahl, die die Politik alarmieren sollte. 1,35 Kinder bringt - statistisch gesehen - jede Frau in Deutschland zur Welt. Das ist weit entfernt von der statistischen Zahl 2,1, die nötig wäre, um die Bevölkerung zu erhalten. Das geht aus aktuellen Berechnungen des Statistischen Bundesamts hervor.
2025 wurden etwa 650.000 Kinder geboren. 2024 waren es noch rund 677.000. Gestorben sind in beiden Jahren jeweils rund eine Million Menschen. Insgesamt lebten am 31.12.2025 rund 83,5 Millionen Menschen in Deutschland - 100.000 weniger als im Jahr zuvor.
Der Kinderwunsch scheitert an den Lebensumständen
Eine Familie zu haben, das sei für die Menschen immer noch wichtig, sagte C. Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, bei der Präsentation der Bevölkerungs-Statistik in Berlin. "Die Menschen wünschen sich immer noch Kinder, und jetzt ist die Frage, warum tatsächlich kriegen sie die nicht?"
Ginge es nach dem Kinderwunsch, den 19- bis 29-Jährige in Befragungen äußern, dann würde die Geburtenrate in Deutschland bei 2,4 liegen, sagt Spieß. "Sicherheit ist ein ganz wichtiger Faktor bei der Umsetzung des Kinderwunsches. Die multiplen Krisen haben dazu geführt, dass Menschen ihrer Wünsche tatsächlich nicht realisieren."
Sind Kinder ein Armutsrisiko?
Zur allgemeinen Verunsicherung durch die veränderte Weltlage kommen konkrete Probleme: Wohnungsnot, steigende Mieten, fehlende oder unzuverlässige Kinderbetreuung. Die Angst vor einem finanziellen Abstieg wächst, weil Eltern in der Regel ihre Arbeitszeit reduzieren müssen. Immer häufiger ist von Betroffenen zu hören, man könne sich Kinder in Deutschland schlicht nicht mehr leisten.
Das Statistische Bundesamt berechnet in regelmäßigen Abständen, wie sich die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickelt. Politik und Wirtschaft brauchen die Zahlen, denn es hat gravierende Konsequenzen für die Zukunft des Landes, wie viele Menschen hier leben werden und wie alt sie sein werden. Die jüngste Vorausberechnung geht bis 2070. Neu im Vergleich zu vorherigen Berechnungen ist die Erkenntnis, dass die Bevölkerung um rund zehn Prozent schrumpfen könnte. Zuwanderung wird den Rückgang nicht ausgleichen können.
Die "Boomer" gehen in Rente
Insgesamt weniger Menschen, das wäre nicht unbedingt ein Problem. Doch das Land vergreist. Während die Zahl der Kinder und Jugendlichen zurückgeht, werde die Zahl der Hochbetagten massiv anwachsen, rechnet Karsten Lummer, Leiter der Abteilung Bevölkerung beim Statistischen Bundesamt vor. Derzeit befinden sich die sogenannten "Babyboomer" im Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Das sind die in den 1960er Jahren Geborenen. In jedem Jahrgang gab es eine Million Geburten und mehr. Danach brach die Geburtenrate drastisch ein.
"Bereits jetzt kommen auf 100 Personen im Erwerbsalter 33 Personen im Rentenalter", so Lummer. 2035 wird rund jede vierte Person in Deutschland das herkömmliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren überschritten haben. Bis 2050 wird die Zahl der über 80-Jährigen von derzeit gut sechs auf etwa neun Millionen steigen.
Das Sozialsystem kommt an seine Grenzen
Das sind Zahlen, die vor allem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler alarmieren. "Der verstärkte Rückgang und die Alterung der Bevölkerung müssen schon heute bei politischen Entscheidungen mit Langzeitwirkung, beispielsweise bei Gesundheit und Pflege, berücksichtigt werden", fordert der Volkswirt Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden. Auch das Rentensystem gerate massiv unter Druck. Zumal die Entwicklung auf einen Arbeitskräftemangel zuläuft.
Karsten Lummer vom Statistischen Bundesamt formuliert es noch deutlicher: "Wir haben eine geringe Geburtenrate, aber ein Sozialsystem, das noch so tut, als hätten wir eine hohe." Die Frage, wie das Sozialsystem künftig auszusehen habe, hätte schon lange beantwortet werden müssen. "Das haben wir versäumt."
Aktuell seien rund 40 Prozent der über 80-Jährigen in irgendeiner Art pflegebedürftig. Bei immer mehr Hochbetagten steige auch der Bedarf an Arbeitskräften in der Pflege. Derzeit arbeiten in der ambulanten Altenpflege rund 280.000 Menschen. Gebraucht, so Lummer, würden schon 2049 aber 690.000.
Zuwanderung in den Arbeitsmarkt
In den vergangenen Jahren konnten niedrige Geburtenraten und Wegzüge aus Deutschland durch Zuwanderung aufgefangen werden. Deutschland ist seit 1990 stetig gewachsen. Insgesamt kamen elf Millionen Zuwanderer nach Deutschland. Überdurchschnittlich viele waren es 2015/2016 und nach 2022 durch die Kriege in Syrien und der Ukraine. Doch selten gelang ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Martin Werding, der als einer der sogenannten Wirtschaftsweisen die Bundesregierung berät, sieht darin auch ein Versäumnis der Politik. "Der deutsche Ansatz ist eben auch sehr viel auf Spracherwerb, auf Bildung ausgerichtet, häufig auch zu lange auf Überprüfung der vorhandenen Qualifikationen statt auf Anerkennung", so der Wirtschaftsprofessor.
Zehn Jahre nach der Wanderungswelle von 2015/2016 arbeiten inzwischen zwei Drittel der Geflüchteten, zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Bei den zumeist weiblichen Geflüchteten aus der Ukraine sind es erst rund 31 Prozent.
Viele Ukrainer wollen bleiben
Mehr als eine Million Ukrainer leben inzwischen in Deutschland. Nach den Türken bilden sie die zweitgrößte nichtdeutsche Gruppe. "Sie haben zu einer massiven Veränderung der deutschen Bevölkerungsstruktur beigetragen", sagt Bevölkerungsexpertin C. Katharina Spieß. Die Gesellschaft müsse sich fragen: "Können wir mit ihnen rechnen, wollen sie bleiben?"
Zweimal pro Jahr führt Spieß' Institut Befragungen durch. "Die Bleibeabsichten der Ukrainer sind massiv gestiegen, 42 Prozent wollen bleiben." Doch auch die Verunsicherung nehme in der Gruppe zu. "Mehr sagen heute, sie wissen es nicht. Bei den Kindern und Jugendlichen sagen viele, sie könnten sich nicht vorstellen, für immer hierzubleiben."
Nimmt die Zuwanderung zu oder ab?
Konkret in die Zukunft blicken kann auch das Statistische Bundesamt nicht. Deswegen werden in den Bevölkerungs-Vorausberechnungen Prognosen mit verschiedenen Zahlen durchgerechnet. Basierend auf den drei demografischen Komponenten Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderungssaldo. In einem sind die Szenarien gleich: Deutschlands Probleme können durch Zuwanderung nur abgemildert, aber nicht gelöst werden. So viele Arbeitskräfte und damit auch Beitragszahler in die Gesundheits- und Rentenkassen, wie nötig wären, werden über Migration realistischerweise nicht zu finden sein.
Die Alten möglichst lange fit zu halten, das ist laut Karsten Lummer vom Statistischen Bundesamt das Mindeste, was getan werden kann. "Wir können auf den medizinischen Fortschritt hoffen", sagt er und hält als ganz unmittelbaren Rat bereit, dass sich die Menschen mehr bewegen und ihren Alkoholkonsum und das Rauchen deutlich einschränken sollten.