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Dürre in Deutschland und Europa: Je trockener, desto teurer

Astrid Prange de Oliveira
17/08/2026 08:57:00
Dramatisch: Im ausgetrockneten Rheinbett haben sich Risse gebildetRobert Schmiegelt/Geisler-Fotopress/picture alliance

Es ist eine Negativspirale mit gravierenden Folgen: Die anhaltende Dürre in Europa führt zu ausgetrockneten Flüssen und Ernteausfällen. Die Folge: Transportkosten steigen und Nahrungsmittelpreise explodieren. Treibt Trockenheit die Inflation an?

Noch können Wirtschaftsforschungsinstitute die Auswirkungen auf die Inflationsrate nicht genau beziffern. Doch die Tendenz ist eindeutig.

"Wenn Rheinschiffe nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren können, steigen die Transportkosten pro Tonne deutlich", so Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI in Essen, zur DW.

Nur leichte Ladung - Die niedrigen Wasserstände am Rhein machen der Binnenschifffahrt zunehmend zu schaffen. Je weiter die Pegel sinken, desto weniger Ladung können die Frachter an Bord nehmen. Um nicht auf Grund zu laufen, müssen sie leichter fahren. Für die gleiche Gütermenge sind deshalb mehr Fahrten nötig.Thomas Frey/dpa/picture alliance
Hausboot auf Grund - Bei Bonn zeigt sich das Ausmaß des Niedrigwassers deutlich: Bei einem Pegel von nur 74 Zentimetern ist der Rheinarm zwischen Bornheim-Hersel und dem Naturschutzgebiet Herseler Werth größtenteils trockengefallen. Boote und Stege liegen auf dem freigelegten Flussbett. Am Rhein werden derzeit historische Tiefststände gemessen.Marc John/IMAGO
19 cm Wasserstand - Am Rhein sind die Pegel auf historische Tiefstände gesunken. In Kaub fiel der Wasserstand binnen 24 Stunden um weitere acht Zentimeter und erreichte am Mittwochnachmittag, dem 5. August 2026, erstmals 19 Zentimeter, kurzzeitig sogar 18. Das verschärft die Lage für die Binnenschifffahrt, die bereits seit Wochen unter dem Niedrigwasser leidet.5VISION.NEWS/IMAGO
Engpass für die Binnenschifffahrt - Der Pegel in Kaub gilt als wichtigster Richtwert für die Rheinschifffahrt. Dort führt der Fluss durch ein schmales, felsiges Nadelöhr. Sinkt der Wasserstand weiter, könnten große Frachtschiffe den Engpass nicht mehr passieren. Der Schiffsverkehr zwischen oberem und unterem Rhein wäre damit faktisch unterbrochen.Michael Probst/AP Photo/picture alliance
"Schatzsucher" im Rheinbett - Der niedrige Pegel hat aber noch einen anderen Effekt: Teile des Flussbetts liegen plötzlich frei und locken Neugierige auf der Suche nach Fundstücken an. Zum Vorschein kommt dabei vor allem Abfall. Die Initiative "RhineCleanUp" nutzt die Gelegenheit, um dort aufzuräumen, wo sie bei normalem Wasserstand kaum hinkommt.Oliver Berg/dpa/picture alliance
Zu Fuß durch den Rhein - Bei Bingen gibt der niedrige Wasserstand einen sonst überfluteten Steindamm frei. Zu Fuß gelangen Besucher darüber bis in die Nähe des Mäuseturms - ein Weg, der bei normalen Pegelständen unter Wasser liegt.Michael Probst/AP Photo/picture alliance
Fähren können nicht mehr fahren - Wegen der niedrigen Pegelstände können auch einige Fähren keine Autos und Passanten mehr über den Rhein bringen. Die Folge sind verstopfte Straßen und lange Staus. Wer kann, arbeitet deshalb von zu Hause. Besonders angespannt ist die Lage in Bonn: Dort sorgt der Abriss und Neubau einer wichtigen Rheinbrücke für zusätzliche Belastungen.Oliver Berg/dpa/picture alliance

Dies verteuere unter anderem Energieträger wie Diesel und Heizöl, die zu einem erheblichen Teil auf dem Wasserweg transportiert werden. Die höheren Kosten würden an die Konsumenten weitergegeben.

Ernteausfälle verteuern Nahrungsmittel

Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) berücksichtigt in ihren Statistiken die Folgen des weltweiten Temperaturanstiegs, der Extremwetterlagen und Ernteeinbußen.

Seit 2020 ziehen beispielsweise die Preise für Fleisch und Ölsaaten stark an (siehe Grafik). Insgesamt liegen die Nahrungsmittelpreiselaut FAO aktuell um rund 30 Prozent höher als 2020.

Auch neue Studien deuten mittlerweile daraufhin, dass Klimawandel und Wetterextreme sich auf die Teuerungsrate auswirken – zusätzlich zu den durch die Kriege im Iran und der Ukraine verursachten Lieferengpässen sowie Gas- und Ölpreisschocks.

Klimaextreme verursachen Preisschübe

Die im Juli 2025 veröffentlichte Studie "Climate extremes, food price spikes, and their wider societal risks"(auf Deutsch: "Klimaextreme, Preisschübe bei Lebensmitteln und Risiken für die Gesellschaft") warnt vor einer solchen Teuerungsspirale. An der Studie haben fünf Forschungseinrichtungen aus Europa sowie die Europäische Zentralbank (EZB) mitgewirkt.

"Für Zentralbanken könnte es zunehmend schwieriger werden, für stabile Preise zu sorgen, wenn häufigere Extremwetterereignisse die Lebensmittelpreise sowohl im Inland als auch auf den globalen Märkten volatiler machen", heißt es dort. Denn höhere Kaffeepreise in Brasilien oder Vietnam wirken sich auch auf die Inflation der EU aus (siehe Grafik)

Diese Herausforderungen könnten sich noch verschärfen, wenn anhaltende Temperaturanstiege dauerhaft die Inflation anheizen. Denn wenn Inflation mit höheren Zinsen bekämpft werde müsse, würde auch das Wirtschaftswachstum gedämpft.

Die EZB selbst hatte bereits 2023 eine Studie veröffentlicht, die zu demselben Ergebnis kam. In dem Papier "The asymmetric effects of weather shocks on Euro area inflation"(Deutsch: Die asymmetrischen Auswirkungen von Wetterextremen auf die Inflation im Euroraum) wurden die vier größten EU-Volkswirtschaften untersucht.

Unterschiedliche Inflationsraten innerhalb der EU

"Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse in Europa könnten zu einem anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Inflation führen", heißt es dort. "Aufgrund der unterschiedlichen Auswirkungen solcher Schocks je nach Jahreszeit und Land legen unsere Ergebnisse zudem nahe, dass der Klimawandel die Unterschiede in der Inflationsentwicklung zwischen den Ländern des Euroraums verstärken könnte."

Laut EZB variierte die EU-Inflationsrate im Junizwischen 5,4 Prozent in Litauen und zwei Prozent in Frankreich. Deutschland lag mit 2,4 Prozent etwas unter dem EU-Durchschnitt 2,8 Prozent. Inflationstreiber sind mit 5,3 Prozent die hohen Transportkosten.

"Hartnäckige Teuerung"

Ob die EZB angesichts gestiegener Kosten auf Wasserstraßen und vermutlich erheblicher Ernteeinbußen erneut die Leitzinsen anheben wird, ist fraglich. Sie hatte den Einlagesatz zuletzt am 11. Juni 2026 um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent erhöht.

"Für die Geldpolitik ist entscheidend, ob es sich um einen einmaligen, vorübergehenden Kostenschub handelt, oder ob sich dieser Effekt mit anderen Preistreibern überlagert, etwa den Energiepreisen infolge des Iran-Kriegs", erklärt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt.

Bei einem "witterungsbedingten Preisschub" käme es vermutlich nicht zu einer "strafferen Geldpolitik", so Schmidt. Anders sähe es aus, wenn sich mehrere Krisen überlagerten und dadurch eine "breitere, hartnäckigere Teuerung entsteht, die die EZB nicht mehr ignorieren kann".

"Lager, Lager, Lager"

Finanzexperte Holger Schulzvom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) empfiehlt in einer Stellungnahme des Verbandes: "Die deutsche Wirtschaft sollte wieder mit höheren Vorratsbeständen arbeiten. Wichtig ist nun vor allem eins: Lager, Lager, Lager."

Dies sei die Erkenntnis aus den Lieferengpass-Krisen der jüngsten Vergangenheit. "Egal ob Corona-Krise, Ukrainekrieg oder die Schließung der Straße von Hormus", so Schulz. "Höhere Lagerbestände sind in der an so vielen Fronten unberechenbaren Welt eine Art Versicherungsprämie."

Artikel von DW