„Schädlich“
Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Doch aus purer Liebe und Fürsorge kann Überforderung werden, warnt eine Expertin.
Frankfurt – Im Vergleich mit anderen Generationen fördern heutige Eltern ihre Kinder mehr. Das ist eigentlich eine tolle Sache, denn ein gewisses Verantwortungsgefühl ist eine wunderbare Grundlage für ein gesundes Aufwachsen. „Doch zu viel Fördern ist genauso schädlich wie zu wenig. Ich habe das Gefühl, heute ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen“, warnt die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Es könne massiv in „Überversorgung, Überförderung und Überkontrolle“ kippen.
Primär dann, wenn Mütter und Väter sich extrem stark mit den Fähigkeiten und den erbrachten Leistungen ihrer Kinder identifizierten, erklärt die emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg in der Schweiz. Viele Eltern projizierten unbewusst eigene, unerfüllte Träume auf den Nachwuchs, beispielsweise weil sie früher selbst gerne Ballett getanzt, Chemiewettbewerbe gewonnen oder Fußball gespielt hätten. „Das ist entwicklungspsychologisch teilweise sehr ungünstig“, sagt Stamm.
Expertin warnt vor „Burn-out-Kids“, die „gnadenlos unter Leistungsdruck stehen“
Kinder würden heute oft schon ab dem Kindergartenalter, spätestens im Schulalter, „gnadenlos unter Leistungsdruck stehen“. Sie sollen unbedingt zur absoluten Spitze gehören, oder zumindest deutlich über dem Durchschnitt liegen – so die Erwartungen in vielen sozioökonomisch gut gestellten Familien. Auch Freizeit sei längst kein Erholungsraum mehr. Hobbys und außerschulische Förderung haben laut der Pädagogin „enorm an Bedeutung gewonnen. Egal ob sportlich, musikalisch oder kreativ – überall wird absolute Perfektion erwartet“, sagt Stamm der Frankfurter Rundschau.
Die Folge davon seien Kinder, mit psychischem Unwohlsein und tiefer Erschöpfung, sogenannte „Burn-out-Kids“, die Psychologinnen und Psychologen bereits in ihren Praxen beobachten würden. Stamm sieht hier einen ganz klaren Zusammenhang zu streng durchgetakteten Tagesabläufen. Sie stellt die These auf, dass die deutliche Zunahme psychischer Probleme bei Kindern nicht nur mit der Corona-Pandemie, sondern auch mit diesem Leistungsdruck zusammenhängt.
Pädagogin: „Viele moderne Eltern haben ein schlechtes Gewissen“
Warum tun Eltern ihren Kindern das an? „Oft hat Überförderung eine gute Intention“, erklärt die Pädagogin, die seit Jahrzehnten zu Familien und der Frühförderung von Kindern forscht. In den 80er- und frühen 90er-Jahren hätten Kinder in der Gesellschaft als „psychisch widerstandsfähig“ gegolten. „Eltern durften abwarten, hatten nicht den ständigen Auftrag, ihre Kinder um jeden Preis zu formen“, sagt Stamm. Heute sei eine Art „Elterndeterminismus“ verbreitet: Eltern würden sich für das „perfekte Gedeihen“ ihrer Kinder verantwortlich fühlen.
Manchmal seien auch verdrängte Schuldgefühle schuld an der Überförderung der Kinder. „Viele moderne Eltern haben ein schlechtes Gewissen, weil sie viel arbeiten und die Kinder viel Zeit in der Fremdbetreuung verbringen. Um das zu kompensieren, wird das Wochenende mit Aktionen und Förderideen vollgestopft.“ Die Expertin rät Eltern zu einer „gnadenlos ehrlichen Bestandsaufnahme“ und der Frage, ob der Judokurs oder das Reittraining wirklich der tiefste Wunsch des Kindes ist – oder eher ein eigenes Bedürfnis. „Wenn es zu persönlich ist, hört auf, eure Kinder zu fördern“, sagt sie. (Quellen: eigene Recherche)