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Bildung

Nicht der IQ: Was Kinder später wirklich erfolgreich macht

Andreas Apetz
24/04/2026 04:16:00

Intelligenz

Die Forschung zeigt: IQ-Werte bei Kindern schwanken stark. Was den Erfolg im späteren Leben tatsächlich vorhersagt, ist etwas ganz anderes.

Frankfurt – Ein IQ von 130 bei einem Sechsjährigen: für viele Eltern klingt das nach einer Garantie. Hochbegabt, der Bildungsweg vorgezeichnet. Doch was ein solcher Testwert im frühen Kindesalter tatsächlich aussagt, ist weit weniger eindeutig. Eine Studie mit Daten von über 34.000 internationalen Spitzenleistenden kommt zu diesem Ergebnis: Rund 90 Prozent derjenigen, die als Kinder oder Jugendliche zur absoluten Leistungselite gehörten, erreichten dieses Niveau als Erwachsene nicht mehr.

Bei der Studie handelt es sich nicht um ein einzelnes Experiment, sondern um eine systematische Auswertung bereits vorhandener Forschungsdaten aus den Bereichen Sport, Wissenschaft, Schach und Musik. Die Autoren, Forscher an Universitäten in Deutschland, Österreich und den USA, verglichen dafür Karriereverläufe: Wer gehörte als junger Mensch zur Spitze, und wer war es später noch? Die Ergebnisse wurden im Dezember 2025 nach wissenschaftlicher Begutachtung im Fachmagazin Science veröffentlicht.

Was Intelligenztests messen und wo sie bei Kindern an ihre Grenzen stoßen

Die Untersuchung von Arne Güllich, Michael Barth, David Hambrick und Brooke Macnamara umfasst Nobelpreisträgerinnen, Olympiasieger, Schachspieler und renommierte Musikerinnen. Ihr Befund ist über alle Disziplinen hinweg erstaunlich konsistent: Wer früh herausragte, tat es später meist nicht mehr. Die besten Schüler an weiterführenden Schulen und die besten Studierenden an Universitäten waren zu fast 90 Prozent unterschiedliche Personen. Mehrere spätere Nobelpreisträger hatten in der Kindheit sogar unterdurchschnittliche Testwerte.

Der Intelligenzquotient lässt sich im Kindesalter häufig nur mit starken Schwankungen bestimmen. (Symbolfoto)

Ein Teil der Erklärung dafür steckt in der Natur der Tests selbst. Moritz Breit, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier mit Forschungsschwerpunkt kognitive Fähigkeiten, erklärt: „Kein Verfahren bildet die gesamte Bandbreite aller möglichen kognitiven Fähigkeiten ab, sondern immer eine Auswahl“, sagte er der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Erfasst würden etwa Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis, logisches Denken und visuelle Verarbeitung. „Was Intelligenztests nicht direkt messen – und auch nicht messen sollen – sind komplexe fach- oder alltagsbezogene Fertigkeiten“, so Breit. Was ein Kind also tatsächlich im Alltag leisten kann, wie kreativ es Probleme löst oder wie es mit Rückschlägen umgeht, bildet kein Intelligenztest ab.

Hinzu kommt ein zweites Problem: die fehlende Stabilität der Werte im frühen Kindesalter. Miriam Vock, Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung an der Universität Potsdam, weist darauf hin, dass IQ-Messungen bis zum Alter von etwa sieben Jahren „noch wenig stabil sind – die Werte können sich bei sehr jungen Kindern noch mehr oder weniger stark ändern“, sagte sie der Frankfurter Rundschau. Es sei sogar die Regel, dass zwei Intelligenztestmessungen beim selben Kind nicht exakt übereinstimmen. Hinzu kommt, dass Intelligenz nur ein Faktor sei, der ein Kind ausmacht: „Die emotionale und soziale Reife sind ebenfalls sehr wichtig“, sagt Vock.

Erfolgreiche Erwachsene: Frühe Spezialisierung im Kindesalter bringt weniger als gedacht

Die Science-Studie liefert noch einen weiteren bemerkenswerten Befund: Die Muster, die frühe Spitzenleistung vorhersagen, sind geradezu das Gegenteil dessen, was spätere Weltklasse auszeichnet. Wer als Kind früh und intensiv in nur einer Disziplin trainiert wurde, gehörte häufig zur jungen Elite, erreichte aber seltener das höchste Erwachsenenniveau. Spätere Weltklasse-Leistende hatten dagegen eine breitere, multidisziplinäre Frühförderung genossen und waren langsamer in ihre Spezialisierung hineingewachsen. Selbst unter Nobelpreisträgern und Spitzensportlern zeigt sich: Mehrere von ihnen schnitten in ihren frühen Karrierejahren schlechter ab als ihre damaligen Altersgenossen.

Statt auf Intelligenztestungen und frühe Spezialisierungen weist in der Forschung alles auf einen anderen Faktor hin, der weitaus stabiler wirkt: eine anregende, warme und strukturierte Umgebung. Das erklärt die Erziehungsexpertin Nicola Schmidt, Gründerin des Artgerecht-Projekts. Sie verweist auf Studien, wonach emotional zugängliche Bezugspersonen zu Kindern führen, die „akademisch, sozial und emotional erfolgreich sind und ein stärkeres Gehirn, ein gesünderes Herz und eine widerstandsfähigere Psyche entwickeln“, sagte sie der Frankfurter Rundschau.

Entscheidend sei dabei nicht, wer genau diese Bezugsperson ist, sondern dass sie „feinfühlig präsent“ ist. Was Kinder langfristig erfolgreich macht, ist demnach keine Frage des IQ im Vorschulalter, sondern schlicht gutes Aufwachsen. (Quelle: Sience, eigene Recherche)

Artikel von Come On