Tod als Scheitern
Täglich verfolgen Millionen den Kampf um Buckelwal Timmy an der Ostsee. Doch hinter dem Spektakel steckt eine unbequeme Wahrheit: Diese Gesellschaft hat verlernt, den Tod zuzulassen (ein Kommentar).
München – Der Buckelwal Timmy – benannt nach dem Timmendorfer Strand – ist kein Tier mehr, sondern das vielleicht aufwendigste Reality-Format des Frühjahrs, auf das sich eine kollektive Angst vor dem Tod projiziert. Seit dem 3. März treibt er durch die Küstengewässer Mecklenburg-Vorpommerns, zwischen Wismar, offener See und immer neuen Buchten, bis er am 23. März vor Timmendorfer Strand strandet.
Dort wird er mit einer Mischung aus Ingenieurskunst und Verzweiflung befreit, nur um wenig später wieder festzusitzen – erst in der Lübecker Bucht, dann erneut vor Wismar und der Insel Poel, wo er bis heute siecht.
Ein Kreislauf aus Rettung und zunehmender Erschöpfung. Seitdem ist Timmy überall. In den Nachrichten, in den sozialen Medien, in Gesprächen auf der Arbeit. Ein Wal, der nicht gehen will, und ein Publikum, das nicht wegsehen kann.
Laut Recherche der Zeit waren mittlerweile auch eine hawaiianische Tierärztin und ein „Walflüsterer“ aus Peru vor Ort und haben versucht, den Wal zu retten. Und auch ganz Deutschland schaut zu. Vor Ort oder am Liveticker.
Cliffhanger ohne Drehbuch: Warum uns das offene Ende fesselt
Timmy ist damit die angesagteste analoge Netflix-Serie ohne Drehbuch, ohne Staffelplan und ohne die geringste Rücksicht auf die Primetime. Täglich gibt es neue Updates und Gerüchte. Mittlerweile soll der Wal per Lastkahn in den Atlantik geschleppt werden. Ein Plottwist für die täglich gleiche zentrale Frage: Wird er es schaffen? Das ist die Dramaturgie des Cliffhangers.
Wäre von Beginn an klar gewesen, dass Timmy sterben wird, hätte sich die Aufmerksamkeit längst verflüchtigt wie Ebbe nach der Flut. Stattdessen campieren Menschen an wechselnden Küstenabschnitten, immer dort, wo der Wal gerade sein könnte – oder gewesen ist.
Und dabei bilden sich zwei Lager: Auf der einen Seite Aktivisten, Tierschützer und eine digital verstärkte Empörungsöffentlichkeit, die jede Form von Rettung fordert – und dabei nicht selten eine bemerkenswerte Anschlussfähigkeit an Verschwörungserzählungen und randständige Milieus zeigt. Auf der anderen Seite Wissenschaftler, Fachleute, Menschen, die mit Daten und Erfahrung argumentieren.
Hoffnung als Treiber: Warum das Happy End den Buckelwal-Fall bestimmt
Die Hoffnung auf ein Happy End ist der eigentliche Treibstoff dieses Geschehens. Sie hält Proteste am Laufen, rechtfertigt den Aufwand, verlängert die mediale Aufmerksamkeit.
Als Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) vor wenigen Wochen, gestützt auf die Einschätzung seines Beraters, des Ozeanografen Burkhard Baschek, erklärte, der Wal werde nicht überleben, wurde dies nicht als nüchterne Analyse gelesen, sondern als Affront, als Defätismus – also Schwarzmalerei.
Diese Reaktion ist aufschlussreich. Während Onlineseiten und Titelblätter sich daran abarbeiten, das Leid eines einzelnen Tieres gegen das von Milliarden geschlachteter aufzurechnen, oder sich über den „Wal-Omaten“ lustig zu machen – ja, den gibt es wirklich, er lässt per Klick abstimmen: Wal sprengen oder nicht –, hat sich die Debatte längst von ihrem Gegenstand entfernt. Timmy ist zur Chiffre geworden. Für etwas, das sich zwischen Augenrollen und echten Tränen aufhält.
Offenkundig geht es um die Mensch-Tier-Beziehung, um Ökologie, um Ethik und Verantwortung. Doch darunter liegt eine tiefere Schicht: der Umgang mit dem Tod – und die erstaunlich weit verbreitete Überzeugung, dass Sterben gleichbedeutend mit Scheitern ist.
Sterbehilfe und Tod: Der Fall Noelia Castillo im europäischen Kontext
Vor wenigen Wochen wurde ein anderer Fall öffentlich verhandelt. Noelia Castillo, ein junges Mädchen in Spanien, hatte sich für den Tod entschieden – und kurz davor betont, dass das Glück ihrer Eltern nicht über dem ihren stehen dürfe. Ihr Vater war vor Gericht gezogen, um den Tod seiner Tochter zu verhindern – ohne Erfolg.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand, die gesetzlichen Voraussetzungen seien erfüllt. Was folgte, war kein Diskurs, sondern ein Getöse: internationaler Aufschrei, konservative Parteien, Kirchen, empörte Stimmen aus vielen Ländern. Das Mädchen hätte niemals sterben dürfen. Von Versagen war die Rede, von zu wenig Leid im Vorfeld, von der Angst vor einem Trend.
Dass Sterbehilfe neu verhandelt wird, ist richtig. Beunruhigend ist jedoch, wie der Tod dabei zur moralischen Niederlage umgedeutet wird. Auch bei Timmy ist der Tod zur öffentlichen Angelegenheit geworden, zum Livestream, zur Meinungsschlacht.
Wobei: Timmy hat nie eine Stimme gehabt. Das ist der fundamentale Unterschied – und er verdient es, nicht überlesen zu werden. Ein Tier und ein Mensch sind nicht dasselbe. Noelia Castillo hatte eine Stimme – eine eigene, klare, unmissverständliche.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Sonntagsblatt.de
Gesellschaft und Sterben: Wenn Tod als Versagen gilt
Was diese beiden Fälle verbindet, ist ein Reflex, der sich tief in diese Gesellschaft eingenistet hat: den Tod so weit wie möglich aus dem Leben herauszuhalten – und ihn, wenn er sich partout nicht aufhalten lässt, als Scheitern zu verbuchen. Als persönliches Versagen.
Als Schuld, die gesucht und gefunden werden muss. Die Unfähigkeit, den Tod zu verhindern, gilt in dieser Logik nicht als menschliche Grenze, sondern als menschlicher Fehler.
Ein Wal und ein junges Mädchen legen so, auf sehr unterschiedliche und doch verstörend ähnliche Weise, eine Leerstelle frei: das Fehlen von Sterberitualen. Ein geschützter Raum, in dem über den Tod gesprochen werden kann, ohne dass sofort jemand widerspricht, interveniert, moralisiert.
Was an der Ostseeküste gerade wirklich gebraucht würde, sind keine Bagger und keine Lastkähne. Sondern etwas, das sich nicht so gut übertragen lässt wie ein Livestream: Trauerbegleitung. Seelsorge. Und die Fähigkeit, loszulassen.