„Metalinguistisches Bewusstsein“
Wer Kindern früh eine zweite Sprache beibringt, fördert auch die Muttersprache. Eine Linguistin verrät, was Eltern zur Zweisprachigkeit wissen sollten.
Frankfurt – Zwei Sprachen, doppelte Verwirrung? So denken viele Eltern, wenn sie überlegen, ob sie ihr Kind früh mit einer zweiten Sprache in Berührung bringen sollen. Die Sorge: Das Kind könnte überfordert sein, die Muttersprache könnte leiden. Eine neue Studie der Universität Oxford zeigt, dass das Gegenteil der Fall sein könnte.
Studie aus Oxford: Zweisprachigkeit stärkt Grammatik der Muttersprache
An der Oxford-Studie haben 140 Vorschulkinder aus Griechenland im Alter von vier bis elf Jahren teilgenommen. Ein Teil der Kinder lernte kein Englisch, ein Teil besuchte Vorschulen, in denen Englisch gelehrt wurde, ein Teil lernte mit der sogenannten „Immersions“-Methode, die Englisch und Griechisch kombiniert. In standardisierten Tests in beiden Sprachen zeigte sich später, dass die zweisprachigen Vorschulkinder besser in der Grammatik abschnitten als ihre einsprachigen griechischen Altersgenossen. Die Kinder aus Immersionsvorschulklassen übertrafen die einsprachigen Kinder auch im Umfang ihres Wortschatzes.
Faidra Faitaki forscht an der Universität Oxford zum Zweitspracherwerb und hat die Studie geleitet. Sie erklärt das Ergebnis folgendermaßen: „Es könnte sein, dass die Exposition gegenüber beiden Sprachen in der Vorschule mehr Möglichkeiten bietet, metalinguistisches Bewusstsein zu entwickeln“, sagte sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Grammatikregeln seien im Vergleich zum Wortschatz, der sich ein Leben lang vermehre, überschaubar. Kinder, die zwei Sprachsysteme gleichzeitig erlernten, verglichen vermutlich unbewusst Grammatikregeln, was dabei helfen könne, diese besser zu verstehen. „Sie entwickeln ein implizites Verständnis dafür, wie Sprache funktioniert, wie Sprachen im Allgemeinen aufgebaut sind.“
Kognitive Vorteile durch frühe Zweisprachigkeit – mit Einschränkungen
Das frühe Erlernen einer zweiten Sprache verschaffe Kindern laut Faitaki einen „heimlichen, bilingualen Vorteil beim Verarbeiten von Sprache, beim Erkennen von Mustern und beim späteren Erlernen weiterer Sprachen“. Die Linguistin weist jedoch darauf hin, dass das Ausmaß dieser kognitiven Vorteile in der Forschung noch diskutiert werde und differenziert gesehen werden müsse. Zweisprachig aufzuwachsen kann auch Nachteile haben. Zahlen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zeigen, dass viele im Ausland geborene Kinder Schwierigkeiten im deutschen Sprachverstehen haben.
Aber was sie sagen könne: Die Befürchtung vieler Eltern, eine frühe zweite Sprache könne die Muttersprache bremsen, sei „zwar verständlich, aber empirisch nicht belegbar“, sagt Faitaki der Frankfurter Rundschau. Im Gegenteil: „Ein gewisser Kontakt mit einer Zweitsprache, unterstützt durch Input in der Muttersprache, könnte das Lernen der Kinder fördern.“ Dieses Phänomen werde als „crosslinguistischer Transfer“ bezeichnet. „Zum Beispiel übertragen deutsche Kinder, die in Deutschland Englisch lernen, ihr Wissen aus ihrer dominanten Sprache Deutsch auf ihre weniger dominante Sprache Englisch.“
Familien von Kindern ohne Zugang zu bilingualen Vorschulen oder Schulen rät Faitaki zu einer „natürlichen Einführung der Zweitsprache im häuslichen Umfeld“. Durch das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern etwa, durch das Hören von Liedern in einer Zweitsprache oder das Ansehen von Youtube-Videos. Einige Stunden pro Woche seien hier ausreichend. „Wichtig ist hier die Interaktion, nicht das Lesen, Schauen oder Hören an sich“, sagte sie. „Das macht Kinder nicht auf magische Weise sofort zu fließenden Zweitsprachlern – das ist aber auch nicht der Anspruch“, sagt sie. Vielmehr gehe es darum, dass sie lernen, dass andere Sprachen existieren und wie diese funktionieren. (Quelle: eigene Recherche)