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Bildung

„Unterforderung“: Typische Deutschaufgabe kann Grundschülern schaden

Sophia Sichtermann
09/02/2026 21:05:00

„Toxisch“

Eine Hausaufgabe für Grundschüler löst unter Eltern eine Diskussion aus – viele fürchten, dass es den Kindern den Spaß an einer wichtigen Fähigkeit nimmt.

Berlin – Lesen gehört zu den wichtigsten Kompetenzen, die Kinder in der Grundschule erwerben. Während manche schon vor dem Schuleintritt erste Buchstaben erkennen und Wörter lesen, tun sich andere deutlich schwerer. Für Lehrkräfte bedeutet das eine Herausforderung: Sie müssen schwächere Leserinnen und Leser motivieren, ohne stärkere Kinder zu unterfordern. Um das Lesen im Alltag zu fördern, setzen viele Schulen auf sogenannte Lesepässe. Nach einer bestimmten Lesezeit – meist zehn Minuten – setzen Eltern ein Kreuz in ein Kästchen. Eine Mutter kritisiert diese Aufgabe.

Lesepässe in der Grundschule sind weit verbreitet – viele Eltern berichten von schlechten Erfahrungen damit. (Symbolbild)

Sie beschreibt auf X (vormals Twitter), dass ihr Sohn täglich zehn Minuten lang Leseblätter lesen solle, um einen Haken auf dem Lesepass zu bekommen. „Es ist ein Blatt mit vielleicht sechs bis acht Sätzen und zehn bis 15 Wörtern. Unser Kind liest das in zwei Minuten runter“, schreibt sie. Das gleiche Blatt mehrfach zu lesen, „langweilt ihn total, führt zu Wutausbrüchen und vermiest ihm das Lesen“. Für Erstlesebücher fehlten dem Kind noch zu viele Buchstaben, die Leseblätter seien dagegen zu einfach – „Unterforderung kann auch zäh sein“.

Eltern kritisieren Lesepass: „Unglaublich demotivierend“

Ein Vater kommentiert den Beitrag: Eine feste Zeitvorgabe „finde ich komisch“. Besser sei es, wenn die Kinder das Blatt einmal lesen – unabhängig davon, wie lang dies dauere. Eine weitere Nutzerin schreibt, ihr Kind tue sich mit dem Lesen schwer: „Das werde ich ihm sicher nicht vermiesen. Er braucht rund fünf Minuten und gut ist.“ Andere bezeichnen das Konzept der Lesepässe als „unglaublich demotivierend“. Eine Nutzerin, offenbar ehemalige Grundschullehrerin, nennt es sogar „vollkommen toxisch“. Wenn man Kinder zwinge, täglich zehn Minuten zu lesen, würden viele die Lust verlieren. „Wenn wir uns wundern, warum immer weniger Kids Leseratten sind – hier liegt ein Grund begraben.“

Auch die Sprachforscherin Catherine Snow von der Harvard University warnt davor, Kindern Lesen und Schreiben durch starre Übungen beizubringen. „‚Schreibe deinen Namen 20 Mal, damit du weißt, wie man ihn buchstabiert‘“ – solche Anweisungen an Kinder höre die Expertin viel zu oft, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Derartige Aufgaben seien losgelöst von den kindlichen Interessen. „Kinder haben ihre eigenen Ziele und kommunikativen Absichten“, erklärt die Professorin für Kognition und Bildung. „Wir sind erfolgreicher darin, ihnen etwas beizubringen, wenn wir von ihren Interessen ausgehen und nicht von unseren eigenen.“

Snow forscht seit vielen Jahren zur Sprachentwicklung und betont, dass Diskussion und Austausch entscheidend seien: „Der klassische Top-down-Unterricht funktioniert beim Leseverständnis überhaupt nicht.“ Erst wenn Kinder über Texte sprechen und unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen, entwickelten sie echtes Textverständnis.

Schulleiterin: Kinder könnten die Lesemotivation verlieren

Astrid Kalantzis, Schulleiterin einer Grundschule in Hessen, warnt ebenfalls davor, dass bestimmte Methoden Kindern den Spaß am Lesen zerstören könnten – vor allem das laute Vorlesen. „Laut lesen kommt oft aus einer falsch verstandenen Motivation: um herauszufinden, ob ein Kind gut lesen kann“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Dies könne aber zu verzerrten Einschätzungen der Lesekompetenz führen. Sie empfiehlt Eltern daher, Verständnisfragen zu stellen und über das Gelesene zu sprechen.

Lautes Lesen im Klassenverband lehnt sie ab, weil es Angst auslösen könne. Sie plädiert dafür, in den ersten beiden Schuljahren kein lautes Vorlesen zu verlangen. „Wenn ein Kind wegen Druck oder Angst aufhört zu lesen, ist das fatal“, sagt Kalantzis. „Lesen soll Freude machen, nicht Angst.“ Zu Hause könne lautes Lesen geübt werden – „aber nicht als Bewertung“.

Wie wichtig es ist, dass Kinder ihre Motivation zum Lesen behalten, zeigen Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aus dem Jahr 2023: Seit 20 Jahren sinkt die Lesekompetenz der getesteten Viertklässler in Deutschland. Ein Viertel der Kinder erreicht den Mindeststandard nicht, der für erfolgreiches Lernen notwendig wäre. Besonders auffällig ist die Bildungsungleichheit: Soziale Herkunft und Migrationshintergrund beeinflussen die Lesefähigkeiten hierzulande stärker als in vielen anderen europäischen Ländern. (Quellen: Deutsches Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung, X, eigene Recherche)

Artikel von Allgemeine Zeitung