Erziehung & Emotionen
Kinder lernen Emotionsregulation vorwiegend durchs Abschauen. Was das für Eltern im Alltag bedeutet.
Frankfurt – Ein kleiner dreijähriger Junge sitzt weinend auf dem Schoß seiner Mutter. Tränen laufen seine Wangen herunter. Er windet sich und schlägt trotzig um sich, erwischt sie sogar am Kinn. Sie bleibt gelassen. Ignoriert die Tränen, lässt sich davon kein bisschen aus der Ruhe bringen. Auf Social Media wird sie dafür gefeiert. Zurecht, findet die Diplompädagogin Susanne Mierau. Aber: „Beim Wutanfall eines Kindes ruhig zu bleiben, reicht nicht aus“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Vorbildfunktion von Eltern ist entscheidend: Nicht Kontrolle, sondern Regulation
„Was viele Eltern falsch verstehen: Es geht nicht um Selbstkontrolle, sondern um Selbstregulation“, sagte Mierau der Frankfurter Rundschau. Wer sich für ein Video zusammenreißt, zeigt Kontrolle. Aber nur wer im Alltag auch dann gelassen bleibt, wenn eine Situation ganz ohne Kind schiefgeht, zeigt Regulation. Das Stichwort sei hier Vorbildfunktion.
Nicht die perfekte Reaktion auf den Schreikrampf des Kindes – sondern der Umgang mit dem eigenen Stress sei entscheidend, sagt Mierau. Eltern sollten, wenn möglich, nicht vollkommen ausflippen und schreien und schimpfen, sondern vielleicht sagen: „Oh Mist, mir ist jetzt gerade etwas heruntergefallen“, erklärt sie. „Kinder lernen durch Abschauen. Was sie täglich beobachten, prägt sie mehr als jede bewusst inszenierte Reaktion.“
„Bedürfnisorientierte Erziehung“ ist ein Begriff aus der Elternbubble, nicht der Wissenschaft
Mierau hat schon 16 Bücher über Erziehung geschrieben, von denen das Neuste am 18. März beim Kösel-Verlag erscheint. Es trägt den Titel „Wurzelstark und flügelleicht. Was Babys wirklich brauchen und wie Bindung heute gelingt“. Sie hat das Gefühl, dass sich die Elternwelt seit ihrem ersten Buch vor zehn Jahren zu diesem Thema stark verändert habe. Viele wollten anders erziehen als ihre eigenen Eltern, wüssten aber gar nicht mehr, wem sie vertrauen sollen. Soziale Medien informierten Eltern nicht nur, sondern verunsicherten sie auch.
Bindungsorientierte und bedürfnisorientierte Erziehung
Bindungsorientierte und bedürfnisorientierte Erziehung werden oft fälschlicherweise synonym verwendet. Bedürfnisorientierte Erziehung ist ein nicht wissenschaftlicher Begriff für eine Erziehung, bei der Eltern die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse des Kindes in den Vordergrund stellen und situationsabhängig auf Signale wie Hunger, Müdigkeit, Nähe oder den Wunsch nach Autonomie eingehen. Bindungsorientierte Erziehung hingegen fußt auf der wissenschaftlichen Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth. Ihr Kern ist die emotionale Beziehungsqualität zwischen Kind und Bezugsperson: Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und ein sicherer emotionaler Hafen stehen im Vordergrund.
Besonders „bedürfnisorientierte Erziehung“ sei zum Problem geworden. „In der Fachsprache gab es das Wort lange nicht, das ist ein aus dieser Elternbubble entwickelter Begriff“, sagt Mierau. Nicht-Fachleute hätten ihn aufgeweicht und Eltern damit in die Irre geführt. Nun machten sie sich zu viele Gedanken, dass sie bindungsorientiert etwas falsch machen würden. „Dabei stimmt das in der Regel nicht: Die Eltern heute machen das oft schon gut. Studien zeigen das auch“, sagt Mierau. Viele Eltern, die diesen Artikel gelesen haben, sollten sich eher weniger Gedanken über Erziehung machen. (Quellen: eigene Recherche)