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Bildung

„Vielen Schülern gar nicht klar“: Fehler im Unterricht setzt Kinder unter Druck

Andreas Apetz
16/06/2026 03:46:00

Schulbarometer

Viele Schüler spüren hohen Leistungsdruck. Lehrkräfte sind entscheidend, um dagegen anzukämpfen – auch durch ihren Umgang mit Fehlern im Unterricht.

Frankfurt – Jedes Jahr gibt das Deutsche Schulbarometer, eine der größten repräsentativen Studien zur Schulsituation in Deutschland, Einblick in das Leben und Lernen in den Klassenzimmern. Die jüngsten Ergebnisse sind ernüchternd: Jeder vierte Schüler in Deutschland macht sich Sorgen um seine schulischen Leistungen oder ist psychisch belastet. Dabei zeigte sich, dass fehlende Unterstützung und Wertschätzung durch die Lehrkraft der größte Faktor für Unwohlsein waren.

Unterstützung durch Feedback, Hilfestellungen und emotionale Begleitung war laut der Studie entscheidend für die Gemütslage der Kinder. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Umgang mit Fehlern im Unterricht. Dabei stehen Schulen in einem Spannungsfeld: Sie sind Orte des Lernens und Lernen bedeutet, Fehler zu machen. Zugleich sind sie Orte der Bewertung: Jede falsche Antwort kann den Eindruck trüben und am Ende aufs Zeugnis durchschlagen. Doch wenn der Unterricht von der Angst vor Fehlern geprägt ist, wird daraus selten Ansporn, sondern häufig eine Bremse.

„Fehler müssen auftauchen“ – Professor über Umgang mit falschen Antworten im Schulunterricht

Ein guter Umgang mit Fehlern habe zwei Seiten, sagt Jürgen Seifried der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Er ist Professor am Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik, Berufliches Lehren und Lernen an der Universität Mannheim. Eine gute Fehlerkultur beginne mit dem Klima im Klassenzimmer: „Niemand darf bloßgestellt oder beschämt werden, und es darf auch nicht zugelassen werden, dass Mitschüler abschätzig reagieren“, sagt Seifried. Gleichzeitig sollten Lehrkräfte Fehler nicht einfach übergehen: „Die Lehrkraft muss dem Fehler auf den Grund gehen und ihn als echten Lernanlass nutzen.“

Der richtige Umgang mit Fehlern im Unterricht ist entscheidend für das Wohlbefinden der Kinder. (Symbolfoto)

Falsche Antworten müssten sowohl als Lernchance als auch als Gradmesser für den Wissensstand der Klasse verstanden werden und seien deshalb im Unterricht sogar notwendig: „Fehler müssen auftauchen, sie signalisieren der Lehrkraft und den Schülern selbst: Wo stehe ich, wo fehlt es noch, wo muss ich hin?“, sagt Seifried.

Die Verantwortung für den richtigen Umgang mit Fehlern liegt maßgeblich bei den Lehrerinnen und Lehrern – und das erfordert laut dem Wirtschaftspädagogik-Professor mehr als nur eine offene Haltung: „Lehrkräfte brauchen nicht nur die Überzeugung, dass Fehler zum Lernen dazugehören, sie müssen auch fachlich wirklich sattelfest sein.“ Wer selbst unsicher sei, würde unbewusst versuchen, Fehler im Unterricht zu vermeiden, damit alles so laufe wie geplant. Doch genau dann „verliert man als Lehrkraft die wertvollsten Momente“, erklärt Seifried.

Eine positive Fehlerkultur macht den Unterschied zwischen Lernsituation und Prüfung deutlich

Damit diese Momente im Unterricht überhaupt entstehen können, braucht es eine Grundvoraussetzung: Schülerinnen und Schüler müssen sich sicher genug fühlen, um sich überhaupt zu trauen. Seifried spricht hier vom Konzept der psychologischen Sicherheit. Die entscheidende Frage lautet: Traue ich mich in meiner Klasse, ein Risiko einzugehen und auch mal etwas Falsches zu sagen, ohne dafür abgestraft zu werden? „Diese Grundsicherheit entsteht nicht von selbst. Die Lehrkraft muss sie aktiv herstellen, indem sie klar macht: In Lernphasen sind Fehler erlaubt und niemand wird bloßgestellt“, sagt er.

Ein zentrales Problem dabei ist die fehlende Klarheit darüber, wann überhaupt bewertet wird. „In vielen Unterrichtssequenzen ist den Schülerinnen und Schülern gar nicht klar: Ist das jetzt eine Lernsituation oder schon eine Prüfungssituation?“, erklärt Seifried. Die Folgen können gravierend sein: „Wenn nicht transparent ist, zu welchen Zeitpunkten mündliche Beiträge bewertet werden, sagen Schülerinnen und Schüler lieber gar nichts, als etwas Falsches zu sagen. Sie wollen ihre Wissenslücken verstecken, statt sich zu öffnen – und genau dann findet kein Lernen mehr statt.“

Seifrieds wichtigster Rat an alle Lehrkräfte lautet deshalb: „Maximale Transparenz“. Allen Schülerinnen und Schülern sollte immer klar sein, wann im Unterricht eine Lernsituation stattfindet, in der alle Fehler willkommen und alle Gedanken wertvoll sind. Umgekehrt muss jede Prüfungssituation, bei der bewertet wird, für alle eindeutig erkennbar sein. Denn nur dann beginnen Kinder, sich wirklich zu öffnen, begehen Fehler – und lernen. (Quelle: eigene Recherche, Deutsches Schulbarometer 2025/26)

Artikel von 24rhein